Joanna Bator: Bei ihr wird das Unheimliche heimelig

Kultur

„Die Grenze zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten, zwischen Realität und Fiktion ist schmal. Manchmal genügt ein kleiner Schritt und schon ist man in einer anderen Welt.“

Es klingt überraschend unbeschwert, wie Joanna Bator von Abgründen berichtet. Vielleicht deshalb, weil sie die Abgründe des Menschseins im Alltäglichen findet.

Joanna Bator geht daheim in Polen mit ihrem Hund spazieren, während sie mit dem KURIER telefoniert. Sie klingt fröhlich und aufgeräumt, erzählt von ihren Haustieren, ihren Romanfiguren, die sich von ihrer Autorin emanzipieren, und davon, dass sie mit dem Etikett „Magischer Realismus“ so gar nichts anfangen kann.

Das nämlich wollen ihr manche Kritiker verpassen, weil bei Joanna Bator allerhand Außergewöhnliches passiert. Schildkröten sprechen, Frauen verwandeln sich in Fledermäuse. Ein Mädchen spielt einen Sommer lang mit einem anderen Mädchen und deren Hund im Wald. Niemand außer ihr hat das andere Kind je gesehen. Als sie es einige Zeit später sucht, findet sie da, wo das Mädchen wohnte, nur eine verfallene Hütte.

Es geht Joanna Bator in ihren Geschichten nicht um etwas explizit „Magisches“, sondern um das ganz alltägliche Fremdsein in der Welt. Bator ist so etwas wie eine Spezialistin für das Unheimliche im Gewöhnlichen. In Ihren Büchern tauchen Menschen auf und verschwinden wieder und man weiß oft nicht, ob sie je da waren.

Joanna Bator ist eine der wichtigsten polnischen Gegenwartsautorinnen. Die 1968 geborene Schriftstellerin hat für ihren 2024 in deutscher Übersetzung erschienenen Roman „Bitternis“ den Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur bekommen. In „Bitternis“ ging es um die Erforschung einer düsteren Familiengeschichte. In Bators neuem Erzählband „Die Flucht der Bärin“ schwingen düstere Vergangenheiten unterbewusst mit. Im Zentrum stehen Frauenleben zwischen Realität und Fantasie.

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Am Flussufer

Da ist etwa eine Dichterin, die das Ende ihres Lebens nahen sieht und ihre letzten Augenblicke in Gesellschaft einer Bärin verbringt, die ganz in der Nähe am Flussufer sitzt und so wie sie dem Wasser beim Fließen zuschaut.

Da ist eine angebliche Geschäftsfrau, die sich täglich aufs Neue auf die Suche nach einem möglichst luxuriösen Zuhause für ihre Familie macht. Da ist ein Mann, der auf einer griechischen Insel einfach verschwindet. Bloß seine Wanderschuhe tauchen wieder auf, an den Füßen eines Bergbauern. Ein anderer Mann kommt seiner Familie abhanden, als er einen Karpfen kaufen geht. Und dann ist da die Frau, die schon als Kind hörte, sie würde nur zur Nonne taugen, so hässlich sei sie. Sie habe Beine fürs Radio, eine Stimme fürs Ballett. Geeignete Gesellschaft findet sie erst unter Fledermäusen.

„Die Flucht der Bärin“ beinhaltet 16 Geschichten, die meisten verfasst aus der Perspektive einer immer anderen Ich-Erzählerin. Man kann sie unabhängig voneinander lesen, doch sie sind durch mehrere Netzwerke miteinander verbunden. Da ist einerseits das Netzwerk des Unheimlichen. Hinter dem Alltag verbergen sich Abgründe. Menschen sind nicht, was sie scheinen. Sie verschwinden, tauchen anderswo wieder auf. Und immer wieder sind da diese melancholischen Landschaften der Warschauer Vororte, aber auch der Stadt Wałbrzych, Joanna Bators Geburtsort, der auch in anderen Bator-Romanen vorkommt. Halb verwilderte Häuser, in denen seltsame Wesen hausen, wo Haarbüschel aus dem Abfluss wuchern und ein Eigenleben entwickeln, wo sich die Erzählerin aber nie …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

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