Wie Feminismus in China funktioniert – auch wenn er nicht so heißen darf

Politik

Von außen wirkt es wie ein perfektes erstes Date. Eine Frau und ein Mann sitzen auf einem See in einem Tretboot, das Wasser glitzert, Enten schwimmen vorbei. Das Gespräch an Bord ist aber alles andere als harmonisch. Es geht um die gegensätzlichen Vorstellungen einer perfekten Ehe. 

Der Mann findet, Ehepartner hätten ein Anrecht auf Sex, dazu würde man sich schließlich verpflichten – und bringt damit jene Haltung zum Ausdruck, die so häufig zu Vergewaltigung in der Ehe führt. Die junge Frau sagt nichts. Sie steht auf, nimmt ihre Tasche und springt, in voller Montur, ins Wasser.

Die Szene stammt aus dem Film „It’s OK“, einer Tragikomödie, die seit ihrer Premiere im April die Kino-Charts in China anführt. Es ist ein Film von Frauen für Frauen, in dem Regisseurin Yang Lina eine typisch-chinesische Mutter-Tochter-Beziehung seziert; auf der einen Seite die Mutter, die händeringend nach einem Schwiegersohn für ihre Tochter sucht, während diese jedoch keinesfalls in einer so unglücklichen Ehe enden will wie ihre Eltern.

Der Film erfährt so großen Andrang, weil er vielen Chinesinnen aus der Seele spricht. Seit Jahren steigt die Zahl der Scheidungen im Land stetig, 2025 waren es 2,7 Millionen. Laut dem britischen Economist reichen in 70 Prozent der Fälle Ehefrauen den Antrag vor Gericht ein.

Für Chinas Regierung ist das ein Horrorszenario, sie versucht schließlich seit Jahren mit allen politischen Mitteln, gegen die sinkende Geburtenrate und alternde Gesellschaft anzukämpfen. Mit der Einführung der Drei-Kind-Politik – einer Vielzahl von finanziellen Anreizen für Familien ab drei Kindern – trat 2021 auch eine Reihe von Maßnahmen in Kraft, die das Heiraten attraktiver machen soll. Lokalregierungen verteilen üppige Gutschein-Pakete für frisch vermählte Paare, die ihre Ehe zudem überall in China anmelden dürfen, statt wie zuvor in ihrem Heimatort.

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Den Ausstieg aus der Ehe versucht die Regierung dagegen zu erschweren. So gilt seit fünf Jahren eine 30-tägige „Bedenkfrist“ für einvernehmliche Scheidungen. Offiziell dient sie dazu, „übereilte Entscheidungen“ zu verhindern.

Frauenrechtsaktivistin, aber keine Feministin

Eine der lautesten Stimmen Chinas im Kampf um Frauenrechte ist die ehemalige Drehbuchautorin Jiang Shengnan. Schon ihr Vorname bedeutet übersetzt etwa: „die Männer übertreffend“ – sie machte ihn zu ihrem Lebensmotto. Ab 2015 begann sie, auf der chinesischen Social-Media-App Weibo politische Forderungen zu stellen. Heute folgen ihr dort mehr als 1,3 Millionen Chinesen.

Dabei weiß Jiang, wie man in China Kritik übt, ohne zum Verstummen gebracht zu werden. Sie verweigert etwa den Begriff „Feminismus“, der für die kommunistische Partei als eine aus dem Westen eingeschleppte Ideologie gilt, die das Potenzial birgt, für gesellschaftliche Unruhe zu sorgen. Stattdessen sagte sie dem britischen Economist: „Ich kämpfe gegen überholte, unzivilisierte Ideen und Gewohnheiten, die sich hartnäckig halten, nicht gegen ein Geschlecht.“

Also begründet Jiang stets, warum frauenpolitische Maßnahmen auch im Interesse der Partei liegen: Eine längere Väterkarenz führe etwa langfristig zu mehr Geburten. Jiangs Einfluss wächst nachweislich: 2024 empfahl sie, Frauen auf dem Land nach einer Heirat Rechte für das gemeinsame Grundstück zu sichern. Noch im selben Jahr schrieb die Regierung genau das fest.

Zu deutliche Kritik wird zensiert – doch das funktioniert nicht immer

Rückschläge erlebt Jiang immer dann, wenn sie ihre …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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