Künstlernachlass: „Sein Werk wird nicht zerstört, solange jemand davon weiß“

Kultur

„Bei der Kunst geht es um Grenzen“, sagt Alice Weiner. „Ich meine das im Sinn von: Wenn ein Künstler ein Werk schafft, wo hört es dann auf? Und wie hört es auf?“

Es ist einer jener beiläufig geäußerten Sätze, deren Bedeutsamkeit erst mit etwas Verzögerung bewusst wird. Ganz ähnlich ist es bei den Kunstwerken von Lawrence Weiner (1942–2021), dessen Nachlass Alice Weiner gemeinsam mit ihrer Tochter Kirsten betreut: Wie ein ins Wasser gefallener Stein ziehen sie Kreise, erzeugen Echos. Oft ist das, was den Impuls gegeben hat, gar nicht mehr greifbar.

„Der Künstler kann das Werk herstellen / Das Werk kann angefertigt werden / Das Werk braucht nicht ausgeführt zu werden“, hieß es in der 1968 verfassten „Absichtserklärung“, mit der Weiner die Strömung der Konzeptkunst (mit)begründete. Wie aber lässt sich ein Werk, das eine materielle Umsetzung nicht zwingend vorsieht, erhalten, wenn der Künstler nicht mehr da ist?

Verantwortung

„Wenn jemand ein Werk von Lawrence Weiner kauft, bekommt er einen letter of responsibility“, erklärt Alice Weiner im KURIER-Gespräch. Dieser „Verantwortungsbrief“, kein Echtheitszertifikat, verpflichtet dazu, sich um die Arbeit zu kümmern: In dieser Rolle unterscheidet sich der Besitzer vom bloßen Betrachter.

Sprache als Material

Als Substanz seiner Werke definierte Weiner Sprache, die er – unabhängig vom Medium der Umsetzung – als Skulptur verstanden wissen wollte. Als sein in Wien bekanntestes Werk „Smashed to Pieces / In the Still of the Night“, 1991 auf den Flakturm im Esterházypark gemalt, 2019 schlicht übermalt wurde, sah der Künstler dies als Zerstörung an.

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Auch wenn der Künstler stets eine wiedererkennbare Schriftart und Farbigkeit für seine Werke benutzte, verzichtete er darauf, rechtlich gegen Kopisten vorzugehen, erzählt seine Witwe. „Es ist für uns sehr leicht, eine Fälschung zu erkennen“, sagt seine Witwe. Zum einen sei ein Werk ohne „Verantwortungsbrief“ nicht authentisch. „Man muss aber auch auf die Sprache achten, die er benutzt hat.“

Die Galerie Hubert Winter, die Weiner seit Jahrzehnten vertritt, hat in der ersten posthumen Solo-Schau des Künstlers nun bis 5. 9. den Satz „Skewered with a Sliver of Gold / Aufgespießt mit einem Span aus Gold“ affichiert – in den offiziellen Amts- und Minderheitensprachen Österreichs.

Der Satz beschwört ein Objekt im Raum, die Übersetzungen lassen aber offen, ob die Phrase wirklich immer dasselbe bedeutet. Dem stehe das gewaltsame „Aufspießen“ entgegen, gibt Alice Weiner zu bedenken. Waren nicht die Länder, die einst Österreich ausmachten, auf einem goldenen Span aufgespießt? Wie viel Anpassung ist nötig, damit wir einander verstehen? „Es ist eine permanente Diskussion mit dem Betrachter“, sagt die Nachlassverwalterin. „Lawrences Werk hört einfach nie auf.“

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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