
Cassandra Wilson, eine der wichtigsten Stimmen des modernen Jazz, ist tot. Die Sängerin aus Mississippi, die bei aller Freude an musikalischen Experimenten stets eine tiefe Verbindung zu den Wurzeln der afroamerikanischen Musiktradition pflegte, wurde 70 Jahre alt.
„Wilson war eine Künstlerin, die das Vokabular der Stimme erweiterte“, hieß es in einer Todesmeldung, den Wilsons Label Blue Note online publizierte. „Die Welt hat eine ihrer unverwechselbarsten, furchtlosesten und seelenvollsten Stimmen verloren“.
Auf dem Traditionslabel Blue Note war 1993 das Album „Blue Light ‚til Dawn“ erschienen. Es bescherte Wilson, die zu diesem Zeitpunkt bereits auf eine lange Kollaboration mit dem Saxofonisten Steve Coleman verweisen konnte und u.a. im Vorprogramm von Stars wie Miles Davis aufgetreten war, international den Durchbruch. Neben eigenen Kompositionen sang Wilson darauf Stücke von Van Morrison, Joni Mitchell und Ann Peebles. Diesen Weg setzte sie 1995 mit „New Moon Daughter“ fort. Das Album gewann einen Grammy für die beste Gesangsdarbietung und war auch kommerziell erfolgreich.
Was verbindet
Wilsons Fähigkeit, die Grenzen von Genres zu überschreiten, wurzelte aber nicht in kommerziellem Kalkül, sondern in einem tiefen Verständnis für die Musik und einer Neugier an ungewohnten Interpretationen.. „Was ich wirklich genieße, ist, wenn ich Material ausgrabe, das noch nicht in einer Jazz-Form interpretiert worden ist“, erzählte Wilson dem KURIER 2006. „Ich denke, es ist für Jazzmusiker wirklich wichtig, mit der Gegenwart verbunden zu bleiben. Ich habe nie in den 40er Jahren gelebt, und es ist manchmal für mich wirklich schwierig, einen Song, der aus dieser Zeit stammt, wirklich zu leben. Aber Jazz ist keine klassische Musik. Er war nie dazu bestimmt, Klassik zu sein.“
Gegenwart und Zukunft
Musik war seit ihrer Kindheit ein fester Bestandteil in Wilsons Leben. Sie wurde am 4. Dezember 1955 in Jackson, Mississippi, als Tochter von Herman B. Fowlkes, einem Jazzgitarristen und Grundschullehrer, geboren. Laut ihrer offiziellen Website spielte sie bereits mit sechs Jahren Klavier, mit zwölf Gitarre und sang bereits als Teenagerin professionell. Sie schloss ihr Studium der Massenkommunikation an der Jackson State University ab und begann in ihren Zwanzigern, Jazz zu singen.
Jazzgrößen wie Nina Simone waren dabei ebenso Leitsterne ihres Stils wie Bluessänger und Folkstars wie Bob Dylan. Texte und Geschichten waren der Sängerin ebenso wichtig wie die Feinheiten musikalischen Ausdrucks. Und so sah sie auch Gemeinsamkeiten zwischen den Songs des Mississippi-Deltas und anderen Musiktraditionen. Mit diesem Zugang inspirierte Wilson zahlreiche weitere Musikerinnen und Musiker wie Norah Jones oder India.Arie. Die Zusammenarbeit mit HipHoppern von The Roots war für Sie eine völlig natürliche Sache.
Gleichwohl beharrte die Sängerin auf einem genauen Studium der kulturellen Umstände, aus denen Musik entspringt, und verwehrte sich dem oberflächlichen Stil-Crossover. „Es ist wichtig, Tiefe zu haben“, sagte sie dem KURIER 2006. „Und das ist nicht möglich, wenn es kein ganzheitliches Wissen darüber gibt, worauf man aufbaut.“
Source:: Kurier.at – Kultur



