
„Wir leben in der totalen Krise der Zuständigkeiten“, analysiert Philosophin Lisz Hirn. „Eltern wollen die besten Freunde ihrer Kinder sein, Chefs und Mitarbeiter flüchten sich in flache Hierarchien, Wissenschaft und Religion haben an Glaubwürdigkeit und die Politik an Ansehen verloren“. Aber die Abkehr von traditionellen Autoritäten macht uns nicht unabhängiger, sondern ratloser. Laut Hirn erleben wir statt der erhofften Emanzipation ein Comeback der Autorität.
KURIER: Warum ist das Thema Autorität aktuell?
Lisz Hirn: Es gibt immer wieder Hochkonjunkturen, immer dann, wenn Krisen den Wohlstand bedrohen. Aber ich habe das Gefühl, wir reden um diesen Begriff herum und keiner fühlt sich damit wohl.
Warum?
Wir reden um diesen Begriff Autorität herum, weil er in uns allen Unbehagen auslöst. Ich denke, man muss unterscheiden zwischen autoritär und Autorität. Man kann alte Autoritäten hinterfragen, das ist auch notwendig, um sich emanzipieren zu können. Wir werden sie aber nicht los.
Wir sprechen von den Autoritäten der Vergangenheit – Eltern, Kirche, weise Ältere – die nicht mehr sind, was sie waren. Andererseits von neuen Autoritäten. Bedeutet das, dass wir Autoritäten brauchen und suchen?
Wenn wir uns die Funktion von Autorität ansehen, definitiv ja. Wir kommen dem gar nicht aus. Die Frage ist: Wie bauen wir diese Autorität auf und für welche Bereiche gilt sie? Es geht bei Autorität nicht um Wahrheit. Auch die elterliche Autorität ist nicht wahr. Aber sie hat eine notwendige Funktion. Wesentlich ist, dass jede Autorität hinterfragt werden kann und auch hinterfragt werden muss. Also weg vom inhaltlichen zur Funktion.
Haben Autoritäten deshalb eine Konjunktur, weil es eben dieses Vakuum, dieses Nichts gibt?
Ich glaube ja. Das ist auch kein Internetphänomen, sondern hat sich über 50, 60 Jahre angestaut. Es ist eine Überforderung, die wir nicht loswerden. Was tun wir mit übermenschlichen Techniken und Technologien wie Atombombe und KI, wie halten wir sie im Zaum? An wem oder was halten wir uns an?
Hat eine Autorität nicht sogar eine positive Konnotation und Funktion?
Ja, denn Autoritäten haben eine Funktion, die wesentlich ist. Sie sind dafür da, den Bereich der Freiheit zu begrenzen und dadurch auch zu ermöglichen, dass man sich an ihnen reibt und dadurch bestenfalls emanzipiert. Wichtig dabei ist aber, dass sie keinen Wahrheitswert haben. Und das ist jetzt das spannende für die autokratischen Führungspersönlichkeiten, die wir aktuell haben: sie behaupten das nämlich sehr wohl. Sie wollen sich nicht hinterfragen lassen. Im Grunde ist das eine Pervertierung des Autoritätsbegriffs. Eine Autorität muss niemanden klein und unten halten, muss niemanden gewaltsam zwingen, sondern sie muss sich angreifen lassen.
Wo wird Autorität besonders sichtbar?
Es ist absurd: Wir sind wahnsinnig stolz, dass wir alte Autoritäten in der westlichen Welt abgelegt haben. Wir sind uns aber nicht gewahr, was uns sonst lenkt und welchen Dingen wir sonst folgen. Früher haben wir Autoritäten gesehen. Jetzt sind es Programme und Algorithmen, die uns lenken. Wir sehen sie nicht, folgen ihnen aber dennoch. Wir folgen sogar eher der KI als der Meinung und Expertise anderer Menschen. Das sollte uns zu denken geben.
Würde man ungehorsam üben wollen, wem gegenüber wäre das?
Das ist nicht mehr identifizierbar. Vielleicht nur noch, wenn man …read more
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



