Heurigensterben: Hat die Tradition in Wien ein Ablaufdatum?

Wirtschaft

Einige erinnern sich bestimmt: Bis in die 1970er-Jahre waren Buffets und Speisekarten beim Heurigen Mangelware. Man selbst kümmerte sich um die Jause, der Winzer um die Weinbegleitung. Die Heurigenkultur in Österreich ist lang und reicht bis ins Mittelalter zurück. Ihren entscheidenden Aufschwung brachte Kaiser Joseph II., der Winzern ab 1784 erlaubte, selbst produzierte Lebensmittel nach eigenen Vorstellungen zu verkaufen.

Der Heurige wurde zum Künstlertreff und Schauplatz geselligen Beisammenseins – begleitet vom Klang der urwienerischen Schrammelmusik. Mit den Heurigenfahrten fluteten immer mehr Städter die Vororte, später waren es die Touristen. Grinzing wurde zum Magneten für Reisebusse und erhielt einen Ruf, den es bis heute nicht ganz losgeworden ist. Voll sind viele Gaststätten noch immer – doch sie sind weniger geworden.

In Wien wird rund 100 Mal ausg’steckt

Rund 100 echte Buschenschanken und Heurigen soll es aktuell in Wien geben. Das ist eine Schätzung, denn Buch wird aus diversen Gründen nicht geführt. Eine Statistik könnte ohnehin ein falsches Bild erzeugen, erklärt Elmar Feigl vom Fachbereich Weinbau der Landwirtschaftskammer Wien. „In den 1950er-Jahren hat es alleine in Döbling 250 Heurigen gegeben. Aber damals waren es extrem viele Minibetriebe, die vielleicht an drei Wochenenden im Jahr ihre Weine ausgeschenkt haben.“

Clemens Keller, seit 18 Jahren Geschäftsführer der Pfarrplatz Gastronomiebetriebe, vermisst dennoch das „Heurigendorf“, das Döbling einmal war. „Das tut mir schon weh. Es war nicht nur ein gesunder Mitbewerb, sondern auch eine Partnerschaft.“ Jedoch gibt er zu, dass mancher Mitbewerber einiges „verschlafen“ hätte. Der Heurigen muss mit der Zeit gehen, ist er überzeugt.

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Ein Selbstläufer wäre sogar ein kultiger Wirt wie Mayer am Pfarrplatz nicht – 500 Sitzplätze jeweils drinnen und draußen müssen gefüllt, die hundert Mitarbeiter bezahlt werden. Ein Drittel des Gesamtgeschäfts des Weinbetriebs wird über die Gastronomie lukriert. „Durch kreative Ideen schaffen wir es, die Auslastung so zu halten, wie wir sie brauchen“, so Keller.

Die Mayer-Betriebe fahren „die Qualitätsschiene ganz bewusst“. Das Angebot wurde passend zur Nachfrage ergänzt, etwa um veganes Grammelschmalz und alkoholfreie Alternativen. Jeden Abend ab 18 Uhr gibt es Livemusik. Veranstaltungen sind ein großes Thema, sagt Keller, wobei die Personenanzahl deutlich zurückgegangen sei. „Hochzeiten hatten im Schnitt 100 Gäste, heute sind es 40.“

Nachwuchs gibt es genug und der will feiern

Junge Gäste, die sich für die Heurigenkultur begeistern, gibt es in Wien genug, berichtet Susanne Frauneder. Sie betreibt gemeinsam mit ihrem Bruder einen der wenigen noch übrigen Heurigen in Oberlaa. „Wir sind ganz dezimiert. Es gibt nur mehr drei Buschenschankbetriebe“, sagt sie. Dabei wäre Oberlaa prädestiniert, mehr Gäste zu empfangen. In keinem anderen Heurigengebiet hält schließlich die U-Bahn vor der Türe. Doch Corona habe viel verändert, auch beim Publikum.

„Früher musste man den Leuten um ein Uhr nachts sagen, dass Sperrstunde ist. Das ist jetzt ganz selten. Es ist eher ein Kommen und Gehen. Diese Gemütlichkeit, der Ursprung geht verloren.“ Dafür sei bei den Jungen regelrecht eine Heurigenlust entfacht. „Wir haben sehr viele, die bei uns Geburtstag feiern wollen.“ Der wichtigste Beweggrund: Die Kosten. Einige wollen ihre Gäste nur auf einen Teil der Rechnung einladen. Die Wirtin setzt das unkompliziert um: „Wir machen das ganz …read more

Source:: Kurier.at – Wirtschaft

      

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