Gewaltsame Proteste: Die Wut der französischen Schüler eskaliert

Politik

Es sind spektakuläre Szenen, die sich seit Tagen in ganz Frankreich abspielen. Junge Leute, die Böller werfen, in Straßen Mülltonnen als Barrikaden errichten und anzünden. Rauchschwaden, die durch die Städte ziehen. Polizisten, die Schüler regelrecht jagen und teils gewaltsam verhaften. Andernorts versuchen Teenager, mit Sicherheitskräften zu debattieren. „Eure harte Reaktion gegen uns ist nicht normal“, ruft ein Mädchen einem Polizisten ins Gesicht, der sie mit versteinerter Miene anblickt. „Wir sind 15, 16, 17 Jahre alt und ihr behandelt uns wie Schwerverbrecher.“

Seit einem ersten großen Streiktag am Dienstag weiten sich die Proteste der französischen Schüler täglich aus und eskalieren stellenweise. Immer mehr Studierende schließen sich ihnen an. Am Freitag waren mehr als 560 Schulen, darunter vor allem Gymnasien, aber auch Universitäten, blockiert. In manchen Bildungseinrichtungen wurde Unterricht über Video durchgeführt. In mehreren Städten, darunter Vororten von Paris, Lyon und Rennes, aber auch auf dem Übersee-Departement Martinique, kam es zudem zu teilweise brutalen Auseinandersetzungen.

Hunderte Verletzte

Inzwischen beläuft sich die Zahl der Verletzten auf mehrere Hundert auf beiden Seiten, auch Lehrer wurden mitunter verwundet. Die Hauptstadtregion Île-de-France bezifferte die vorläufigen Kosten für Zerstörungen an Schulgebäuden auf mehr als eine Million Euro.

Doch hinter den Bildern der Gewalt stehen sehr konkrete Klagen und Anliegen. „Unser Schulgebäude ist völlig baufällig, es fehlt an Stühlen und wir verlieren Unterrichtszeit, wenn wir diese erst suchen müssen“, zählte ein Schüler des Gymnasiums Paul-Éluard in Saint-Denis die Probleme auf. Der Schülerverband USL erreichte am Freitag ein Treffen mit Bildungsminister Édouard Geffray: „Wir, Gymnasiastinnen und Gymnasiasten, mobilisieren uns, damit wir Mittel für angemessene Lernbedingungen bekommen“, schrieb die Vereinigung zuvor in einem Kommuniqué. Geffray nannte die Forderungen „legitim“, verurteilte aber zugleich die gewaltsamen Ausschreitungen am Rande der Proteste.

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Unter die jungen Protestierenden mischte sich teilweise auch das Lehrpersonal, wie Irène Cailletau, Mathematik-Lehrerin in Saint-Denis. Es herrsche keine Gleichbehandlung der Bildungseinrichtungen in den Metropolen und den oft vernachlässigten Banlieues, klagte sie. Davon abgesehen verschlechtere sich die Lage an allen französischen Schulen. „Ausfallende Lehrer werden nicht ersetzt, Stellen gestrichen, es gibt immer weniger Personal.“ Hinzu kämen Probleme mit den Räumlichkeiten: Wegen notwendiger Bauarbeiten müssten in ihrer Schule 600 Jugendliche in Container ausweichen, die sich im Sommer extrem aufheizen und im Winter eiskalt seien. „Und jetzt stehen Minderjährige, die sich gegen diese Bedingungen auflehnen, schwer bewaffneten, brutalen Polizisten gegenüber.“

„Ausfallende Lehrer werden nicht ersetzt, es gibt immer weniger Personal.“

Irène Cailletau, Mathematik-Lehrerin

Verschlechterungen

Der permanente Geldmangel habe massive Auswirkungen, klagte auch Jean-Rémi Girard, Lehrer an einem Gymnasium im Pariser Vorort Asnières-sur-Seine und Präsident der Lehrer-Gewerkschaft SNALC, im Radiosender RMC. „Wir halten die Schulen mit allen Kräften am Laufen, aber der Staat hilft uns nicht dabei, sondern die Bedingungen verschlechtern sich.“ In einer Klasse sitzen demnach oft 35 Kinder und Jugendliche. Auch lasse seit 30 Jahren die Kaufkraft seines Berufsstandes ständig nach. Das Durchschnittsnettogehalt von Lehrkräften in Frankreich liegt bei 3.090 Euro, bei Berufseinsteigern bei nur knapp 1.900 Euro. Das ist einer OECD-Studie zufolge nicht nur verhältnismäßig wenig im europäischen Vergleich, sondern auch gegenüber anderen Beschäftigten mit Hochschulabschluss in Frankreich. Die Folge sei Mangel an motiviertem Personal, sodass Stellen unbesetzt bleiben, …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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