
Auch in dieser Inszenierung spielt „Romeo und Julia“ in Verona, und man träumt von Stracciatella-Eis. Aber das Theater, in dem am Donnerstag die Premiere stattfand, liegt nicht in der Josefstadt. Die paar Österreicher im Ensemble mussten sich für die „Mad Max“-Apokalypse gehörig assimilieren. Hier spricht man schnoddriges Norddeutsch, Julia Kreusch zelebriert es geradezu.
Und die von Direktorin Marie Rötzer beim Schweizer Lucien Haug in Auftrag gegebene Neuübersetzung liefert dafür die tragfähige Basis. Da ist von Arschlöchern und Wichsern die Rede, da wurde jemandem ins Gehirn geschissen, und so geht es immer weiter mit dem „verfickten Mist“. Wenn sich zwei Familien seit Jahrzehnten bekriegen, dann verroht eben die Sprache. Soll sein. Allerdings ist die gesamte Produktion auf Konfrontation ausgelegt: Jetzt zeigt man mal den Ösis, wo der Hammer hängt.
Leider nahm Stefan Pucher aber nicht Maß an einer Jette Steckel, die bei den Salzburger Festspielen Molières „Der Menschenfeind“ erstaunlich zeitgenössisch und ästhetisch fulminant interpretierte, er nahm auch nicht Maß an Rieke Süßkow, die kürzlich am Volkstheater Shakespeares „Macbeth“ als Videospiel realisierte. Man denkt in den drei mit Anspielungen (von Joy Division bis Leonardo DiCaprio) und Diskursverweisen überfrachteten Stunden eher an ein schlechtes Frank-Castorf-Plagiat.
Nina Peller lässt für den Freestyle-Box-Schaukampf mit Springmessern zwei Tribünen rotieren, einen alten Wohnwagen (für viele Videoaufnahmen von drinnen) und zudem zwei Gerüst-Türme, die nicht nur als Arbeitsplatz der Musikerinnen fungieren: Montiert sind an ihnen riesige, KI-generierte Gesichter, von denen das eine als Pars pro toto für den Fürst der digitalisierten Welt dient. Auf dieser Projektionsfläche fließen Tränen und auch Blut die Wangen hinunter.
Der Rundprospekt dahinter hat eine klare Botschaft: Verflucht seien Deine Väter! Sie sind für das andauernde Gemetzel verantwortlich – und absurd eingekleidet (von Annabelle Witt). Zu viel Versace, zu viel Punk, zu viel überbunte Funktionskleidung. Leider hat die Geschmacklosigkeit der Männer auch auf die Frauen abgefärbt (einzig Olivia Grigolli als Amme zeigt Stil).
Und das Video-Team mit Ute Schall und Hannes Francke setzt noch eins drauf: In den Einspielungen trommelt die nebenbei säugende Mutter Maria, und Jesus shakt mit. Pater Lorenzo, im Morgenmantel den Bauch rausstreckend, bleibt gelassen: Der Franziskaner genehmigt sich einen fetten Joint und hält nichts von zölibatärem Leben.
Jede Szene schreit in Boulevard-Manier: Hier! Schlimm! Die Liebe! Chancenlos! Und: Jetzt!!! Marcus Bluhm hat sich als Vater Montague (mit Rod-Stewart-Mähne) wie als Vater Capulet (glatzköpfig mit Hackebeil) im Internet ein Racket gekauft. Aber das Liebespaar kommuniziert nicht mit dem Smartphone, sondern misst die Zeit an der abgebrannten Kerze. „Upsi!“ Da wird schon sehr viel Dummes Zeug „geschwatzt“.
Das Josefstädter Abo-Publikum wird es lieben, ganz besonders die entscheidende Nachtigall-Lerche-Szene von Seide Noffke (zu Beginn mit „Beast“-Augenbinde) und Leonard Dick (beim ersten Treffen mit Shakespeare-Maske und Clown-Nase): Man kriegt auch sie nur auf dem Screen serviert. Versöhnlich ist zumindest der Schluss – mit „The End“ der Beatles, angeblich inspiriert von Shakespeare, aus 1969 als Coverversion.
Source:: Kurier.at – Kultur



