In der Staatsoper gibt es Mord, Sex und Tränen in der Nacht

Kultur

In der Pause der heutigen Staatsopernpremiere gibt es Sex.

Also nicht auf der offenen Bühne. Aber die Inszenierung macht klar, was hinter dem Vorhang passiert, während das Publikum zu Brötchen, Sprudel und Toilette eilt.

Denn zu diesem Zeitpunkt, nach Zemlinskys „Eine florentinische Tragödie“, des ersten der zwei zusammengespannten Einakter, haben sich Bianca (Asmik Grigorian) und Simone (Christopher Maltman) aus ihrer lustlosen Ehe gerettet – indem sie ihren Psychotherapeuten ermorden.

„Dieser Alphatier-Mord, das Testosteron – Bianca ist hypnotisiert von dieser Urkraft ihres Mannes. Und so erleben sie dieses Aufflammen, diesen Blitzschlag der Lust – und haben nach so langer Zeit wieder Sex“, sagt Regisseur Vasily Barkhatov im KURIER-Gespräch.

Der Vorhang fällt, aber dahinter sind keine Fragen offen.

Aufarbeitung

Barkhatov verbindet die kaum gespielte Zemlinsky-Oper mit Bela Bartóks um einiges bekannterem Einakter „Herzog Blaubarts Burg“ – und zwar, indem er die beiden Handlungen der Oper verschränkt. Denn aus Bianca vor der Pause wird Judith, ebenfalls gesungen von Grigorian, die mit Herzog Blaubart (Florian Boesch) die eigene Beziehung aufarbeitet.

Beim zweiten Teil, eben „Blaubart“, wachen das Paar aus der „florentinischen Tragödie“ auf – „und erlebt wie bei Milan Kundera diese postkoitale Traurigkeit. Jedes Tier ist traurig nach dem Sex! In diesem Kater nach der Euphorie drängt Bianca darauf – nachdem sie schon einen Mord begangen haben –, die dunklen Seiten ihrer Beziehung auszuleuchten, in ihrer ganzen Geschichte. Denn was könnte schlimmer sein als ein Mord?“, sagt Barkhatov. „Daraus ergibt sich für sie eine Art Recht, auch die schmerzlichsten Traumata wieder aufzumachen. Und am Ende dieses Prozesses finden sie, endlich, eine neue Qualität des Gemeinsamen. Sie sind nicht mehr nur Liebhaber oder ein Ehepaar, sondern erleben eine fast Wagner-große Verbindung, sie stehen dann über all dem.“

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Im Dienst gestorben

Zuerst den Therapeuten killen – und dann die Traumata aufarbeiten, ist das nicht ein etwas ungewöhnlicher Weg? „Ich habe schon gewitzelt, dass er eigentlich bei der Erfüllung seines Dienstes stirbt, wie ein Soldat der Psychologie“, sagt Barkhatov mit einem Lächeln.

Guido Bardi – im Original Prinz von Florenz, hier nun der Therapeut, gesungen von Dmitry Golovnin – „brachte den Zündstoff der Eifersucht in ihre Beziehung – und aus dem folgt dann alles, halt auf Kosten seines Lebens. Diese Sitzung ging so weit, dass er sie nicht mehr kontrollieren konnte. Aber eigentlich hat er seinen Job erfüllt – und sie wieder zusammengebracht.“

Dass man hin und wieder den Eindruck gewinnen könnte, dass Paartherapie eher zu Trennungen führt, das bestätigt Barkhatov.

„Ja, das ist auch meine Erfahrung“, sagt er. „Ich habe gemischte Gefühle zur Psychologie und zur Psychoanalyse. Manches ist fast wie Schamanismus und Aberglauben, keine Wissenschaft“, sagt der Regisseur, der betont: Es gibt hochprofessionelle Psychologen und Therapeuten, die Menschen wirklich helfen. Jedoch wurde Psychoanalyse im 20. Jahrhundert zum Allheilmittel hochstilisiert.

Voll ausgeleuchtet

Er hält es eher mit Werner Herzog, der gesagt hat: „Die Psychoanalyse ist die Krankheit unserer Zeit.“ Warum? „Er hat gesagt: Wenn man jeden Winkel eines Hauses hell ausleuchtet, kann man darin nicht mehr wohnen. Er schlug vor, alle Psychoanalytiker auf eine Insel zu fliegen, damit sie dort einander uns analysieren. Das ist vielleicht ein wenig hart (lacht)! …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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