Atom-Drohung aus Moskau: Putin spielt mit dem Feuer

Politik

Die Rolle des unschuldigen Opfers beherrscht Wladimir Putin richtig gut. Als der Kremlchef am Donnerstag beim jährlichen Waldai-Forum in Moskau saß, spielte er sie zum wiederholten Mal: Die NATO habe vor, die russische Exklave Kaliningrad von der Versorgung abzuschneiden, das wäre ein „direkter Angriff auf Russland“, orakelte er. Seine Antwort wäre in diesem Fall „unausweichlich“ – und inkludiere Atomwaffen.

Bedrohen wolle er damit aber niemanden, sagte er im Nachsatz lächelnd. Der Aggressor, der sitze ja im Westen.

Das Suwalki-Szenario

Es ist ein altes russisches Spiel, das Putin da vollführt. Man kennt es aus dem Winterkrieg gegen Finnland 1939, aus Afghanistan 1979, von der Krim 2014 und der Invasion der Ukraine acht Jahre später. Immer fühlte sich Russland „bedroht“, maskierte seinen eigenen Angriff später als Verteidigung. Die Begründungen dafür waren meist erfunden oder zumindest übertrieben.

Auch jetzt ist der Vorwurf, die NATO plane eine Attacke auf Russlands westlichste Exklave, substanzlos. Putin stößt sich vielmehr an den Übungen des Bündnisses in Gewässern dort: Die NATO probt ironischerweise jenes Szenario, das Putin als „Pseudo-Verteidigung“ im Sinn hat – dass Russland die Suwalki-Lücke, die nur gut 100 Kilometer lange Verbindung zwischen Exklave und Mutterland, mit Gewalt schließt. Dass Moskau damit das Baltikum vom Rest der NATO abschneiden könnte, gilt unter Experten schon lange als plausibles Eskalationsmodell.

NATO-Chef Mark Rutte reagierte zwar betont gelassen auf den Kremlchef – er nehme „das nicht so ernst“, sagte er –, aber die Drohung hat neue Qualität. Es ist das erste Mal seit Beginn der Ära Gorbatschow, dass ein Kreml-Machthaber offen mit Atomwaffen droht. Putins Getreue taten das schon öfter, er selbst jedoch noch nie.

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Innerhalb des Militärbündnisses beobachtet man schon länger, dass der Kremlchef „immer dreister, gefährlicher und risikofreudiger“ werde, wie Johnny Stringer, Europas NATO-Vizekommandant, sagte. Besonders spürbar ist das bei den Drohnenangriffen, die immer mehr und aggressiver werden – siehe die gescheiterte Attacke auf den Leipziger Flughafen. Dazu kommen dubiose Vorfälle an Waffenindustrie-Standorten oder Mordkomplotte wie jenes gegen Armin Papperger, den Chef des deutschen Rüstungsriesen Rheinmetall. Seit 2024 haben sich russische Sabotageakte in Europa vervierfacht, binnen der letzten 12 Monate zählte die NATO 200 physische Attacken.

Dass Putin die Grenzen des Machbaren ausdehnt, hat mehrere Gründe. Zum einen nutzt der Kreml die „Gelegenheitslücke“, also jene Zeit, bis Europa in Sachen Aufrüstung das aufgeholt hat, was lange versäumt wurde. Je mehr Angst gesät wird, desto mehr Zulauf bekommen jene Parteien, die die Wiederabrüstung fordern, so das Kalkül.

Der andere Grund ist die „Rechtfertigungsmaschinerie“ im Inland, wie Maksym Beznosiuk vom Think Tank Carnegie es in einem Paper nennt: „Putin braucht den Krieg, um das Überleben seines Regimes zu sichern“, so der Experte – an der Front blieben die Erfolge aus, dennoch müsse Putin den Krieg argumentieren. Verbale Eskalation ist dafür das beste Mittel: „Ein dauerhafter Kriegszustand bietet dem Kreml die Möglichkeit, Opfer zu rechtfertigen und die Verantwortung für den Niedergang im Inland aufzuschieben.“

Rüstungsetat explodiert

Sichtbar ist das am Rüstungsetat. Im ersten Halbjahr 2026 hat Moskau 43,8 Prozent der Ausgaben seines Staatshaushalts für den Krieg ausgegeben, so viel wie noch nie. Die hohe Zahl schürt Ängste im Westen, doch …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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