
In ihrem neuen Buch begleitet man die vielsprachige Deutsche durch ihr geliebtes Venedig.
KURIER: Sie lehren in Paris Architektur, leben in Venedig und Kärnten. Wurde die Liebe zur Lagunenstadt in Ihrer Kindheit geweckt?
Jana Revedin: Meine Großeltern waren wegen ihres Widerstandes gegen das Nazi-Regime enteignet worden und konnten von Berlin nach Konstanz fliehen. Dort gründeten sie einen veterinärmedizinischen Verlag. Davor hatte mein Großvater die Pferde der preußischen Kavallerie gezüchtet. Er besuchte weiterhin die norditalienischen Züchter. Jeden Jänner waren wir da und gingen den windigen Lido-Strand entlang. Meine Großmutter liebte die italienische Küche und kannte jede Cicchetteria um Rialto.
1986 ergatterten Sie, als 20-jährige Studentin, einen Job beim Architekturstar Aldo Rossi in Mailand. Am selben Abend lernten Sie bei einem Fest in Venedig Ihren Mann kennen, den „Capitano“. Er ist mittlerweile Hafendirektor von Venedig und kann es sich auf seine Fahnen schreiben, die Kreuzfahrtschiffe aus Venedig verbannt zu haben. Kämpfen Sie gegen Overtourism?
Wir Venezianer finden, dass es ein Menschenrecht ist, diese schönste Stadt der Welt erleben zu dürfen. Seit dem Ende der Kreuzfahrtschiffe, die nun in Triest anlanden, haben wir nicht mehr diese Massen von Tausenden Menschen, die sich plötzlich in die Stadt ergießen. Es verteilt sich gut, die Gäste bleiben immer länger, nicht nur einen Tag.
In der Pandemie haben Sie Venedig zur „Stadt der Langsamkeit“ erklärt. Kann man hier wirklich Privatheit haben als Einwohner?
Die Stadt wird ihre Langsamkeit immer behalten, weil wir ja alle zu Fuß gehen. Und es passiert ganz selten, dass sich Touristen ins schöne Castello-Viertel verirren, das noch so venezianisch ist – nach Cannaregio oder Dorsoduro. Wir leben an den Zattere, entlang der ehemaligen Hafendocks. Da gehen nur Kunstfreunde hin, die zu Peggy Guggenheim oder zur Accademia wollen. Die Hauptbewegung reduziert sich auf den Weg zwischen Piazzale Roma und Markusplatz. Aber dieser Platz und seine Quais waren dafür auch konzipiert: Ganze Fregatten wurden an der Punta Dogana aus- und eingeladen. Die Stadt war einst von 250.000 Menschen bewohnt. Es ist heute eigentlich nur noch ein Dorf mit 40.000 Einwohnern.
Wie haben Sie Ihr neues Buch geplant?
Gar nicht. Mein entzückender Verleger fragte mich, warum ich nicht endlich „mein“ Venedig beschreibe. Ich gehe mit Ihnen zwei Tage meiner Wege – mit meinem Hund, einer Weimaranerin. Wir treffen die wahren Menschen, die Venedig am Leben erhalten.
Offenbar tragen Sie immer Hut.
Immer. Wir leben an der Meeresküste mit der großen Natur. Da kommt Bora-Wind auf, plötzlich regnet es oder es wird heiß. Die Natur ist immer um uns. Wie heilsam!
Wollten Sie auch selbst, wie Ihre Protagonistin in der „Gärtnerin von Venedig“, diesen Beruf ergreifen?
Das war mein Traum als Kind. Damals durfte ich jeden Donnerstagnachmittag mit meinem ansonsten vielbeschäftigten Chirurgen-Vater im Garten arbeiten. „Unser“ Nachmittag! Aber ich liebte es auch, im Verlag der Großeltern zu sein. Meine Mutter, die letzte Schülerin des Philosophen Martin Heidegger, hat dort die erste Frauenzeitschrift Deutschlands, die „Lady“, publiziert. Ihre Chefsekretärin hat mir die wahre Geschichte der „Gärtnerin von Venedig“ erzählt. Noch bevor ich eine Ahnung vom ABC hatte, spielte ich „schreiben“.
Wie sind Sie dann zur Architektur gekommen?
Der Verlag, in den ich …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



