Burgtheater Kasino: Väter und Söhne, eine hoffnungslose Geschichte

Kultur

Arad Dabiris offensichtliche Sympathie für Versalien und Rufzeichen – frühere Werke hießen GLORIA! oder DRUCK! – legt eine falsche Fährte: Man könnte seine Texte für laut und plakativ halten. Doch sie sind, das zeigt auch sein jüngstes Werk PULS!, im Gegenteil über weite Strecken subtile, nachdenkliche und sprachlich gekonnte Überlegungen zu unserer Zeit. Darin liegt auch das Problem bei PULS!: es wirkt stellenweise eher wie eine Soziologievorlesung über Vorstellungen von Männlichkeit und weniger wie ein Theaterstück.

Von den 80 Minuten Spielzeit (Regie: Saliha Shagasi) sind gute 20 Frontalvortrag. Schade, denn das Drama dazwischen ist berührend, zum Teil sehr gut gespielt und – leider- wirklich am Puls der Zeit. Es gab eine Zeit, da hielt man gewisse Vorstellungen von Männlichkeit für überkommen: Dass Männer immer stark zu sein hätten, keine Gefühle zeigen und sich niemals über solche unterhalten dürften. Man muss kein Nutzer sogenannter sozialer Medien sein um festzustellen: Der Männlichkeitskitsch feiert unter Jungen wieder fröhliche Urständ‘. Boys don’t cry  scheint in Wiener Parks und anderen Stätten juveniler Vergnügungen wieder das Gebot der Stunde.

An solchen, namentlich dem Westbahnhof, der Kennedybrücke („unser Stück Amerika“) und dem U4 spielt PULS!, das drei Burschen und ihre Väter auf der Reise durch mehrere Lebensstationen begleitet. Kids, Boys, Men. In ihrer Jugend ist der Puls so stark, dass der eine dem anderen schon einmal die Nase bricht, weil die Energie ihn so bedrängt. Am Ende ist davon nicht mehr viel übrig. Statt Energie und Drogen gibt’s nur mehr Tee. Der dritte Freund, längst verstorben, schaut als Engel vorbei und berichtet: „Im Himmel geht einem niemand am Oasch.“

  Radio-Symphonieorchester: Bejubelter Amtsantritt des neuen Chefdirigenten

Milo, Malik und Aria, gespielt von Jonas Hackmann, Seán McDonagh und Tim Werths, streifen durch Wien, wissen nicht, wer und wie sie sein und werden wollen. Nur so viel: Nicht wie ihre Väter: Kurosch (Paul Basonga), Josip (Tristan Witzel) und Gabriel (Luka Vlatković). Arbeiter mit kaputtem Rücken, Taxifahrer mit Intellektuellem-Hintergrund und vom Erfolgsdruck zerquetschter Künstler. Jeder mit seinerseits vom Vater geerbten Problemen überlastet. Keinem ist es gelungen, das aus sich zu machen, was ihm einst vorschwebte. Angedeutet wird das auch durch das Bühnenbild (Rebecca Merlic): ein Raum voller Denkmäler. Man lungert auf den Stufen herum, selbst denkmalwürdig wird man nicht. 

Die Söhne werden einerseits mit Erwartungen überlastet – der möglicherweise schwule Sohn muss ein harter Kerl werden- andererseits sollen sie es tunlichst auch nicht besser haben, denn das würde das eigene Scheitern noch verstärken. Sprachlosigkeit kennzeichnet die Beziehungen. Erst, als es zu spät ist, gibt es so etwas wie Intimität: Milo und sein Vater Gabriel begegnen einander im Himmel wieder. Erst jetzt kommen mögliche Missbrauchserfahrungen zur Sprache, die der Vater, ein Künstler, womöglich durch den eigenen Vater machen musste. Dabiri deutet hier ein Kommunen-Schicksal à la Otto Mühl an.

PULS! hat einige sehr anrührende Momente. Inhaltlich klug, schauspielerisch überzeugend umgesetzt etwa in der Körpersprache der jungen Leute, die in einer Mischung aus Tatendrang und Orientierungslosigkeit ihren Weg nicht finden. Tim Werths, zuletzt ein toller „Andre“ in Tolstois „Krieg und Frieden“ in Reichenau, lümmelt, kifft und platzt zugleich vor Energie, weiß nicht, wohin mit …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

(Visited 3 times, 3 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.