Bosniens Diaspora: Wählen als „Beitrag, um die Situation zu verbessern“

Politik

Blickt man auf die vergangene Fußball-WM zurück, denkt der eine oder andere vielleicht an die mit bosnischen Fans gefüllten Stadien in St. Louis und San Francisco. Die bosnische Diaspora zählt weltweit etwa zwei Millionen Menschen. Bei den letzten Wahlen waren davon allerdings weniger als 50.000 registriert.

„Es ist nicht so, dass sich die Diaspora nicht engagiert. Es gibt viele Menschen, die sich anders engagieren. Im wirtschaftlichen Bereich, mit Initiativen oder zirkulärer Migration, einige sind auch politisch engagiert. Aber auf das Wahlergebnis wird es sich nicht auswirken. Man kann sagen, dass Bosnien-Herzegowina das Potenzial der Diaspora leider nicht zur Genüge nutzt“, sagt Vedran Džihić, Politologe an der Universität Wien, gegenüber dem KURIER.

Gerade mal sechs Prozent der Diaspora in Österreich wählen

Laut Bosnischer Botschaft leben in Österreich mehr als 100.000 bosnische Staatsbürger. An vergangenen Wahlen in Bosnien und Herzegowina haben durchschnittlich rund 6.000 Menschen aus Österreich teilgenommen. Eine von ihnen ist Medina S. (Name von der Redaktion geändert).

„Wählen zu gehen, obwohl ich nicht dort lebe, sehe ich als einen kleinen Beitrag, um zumindest ein wenig die Situation im Land zu verbessern“, sagt die junge Wienerin. „Wir, die im Ausland leben, profitieren von einem deutlich besser organisierten und funktionaleren System. Daher ist es schwer, die Situation in Bosnien und Herzegowina zu verstehen, die im Vergleich zu Österreich alles andere als optimal ist“, erzählt die 30-Jährige.

Selbst viele, die ihr Leben lang im Land gelebt haben, verstehen nur schwer, wie das Wahlsystem funktioniert. Das hat nichts damit zu tun, dass die Bosnier eine Vorliebe für Komplexität hätten. Vielmehr liegt es am Dayton-Vertrag, der 1995 den Krieg beendete und dem Land seine heutige politische Struktur gab.

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Bosnien und Herzegowina wurde in zwei Entitäten geteilt: in die mehrheitlich von muslimischen Bosniaken und katholischen Kroaten bewohnte Föderation Bosnien und Herzegowina und die mehrheitlich serbisch-orthodox geprägte Republika Srpska. Beide Landesteile verfügen über eine hohe Eigenständigkeit.

Der Zentralstaat hat nur wenige Kompetenzen und wird von einem dreiköpfigen Staatspräsidium geführt, das aus einem bosniakischen, einem kroatischen und einem serbischen Mitglied besteht. Neben den beiden Entitäten mit ihren eigenen Regierungen gibt es innerhalb der Föderation zehn Kantone – ebenfalls mit eigenen Regierungen und Parlamenten. Hinzu kommen die gesamtstaatlichen Institutionen.

„Wir haben es mit einer komplexen Wahlstruktur zu tun, die wir in keinem westlichen Staat vorfinden“, erklärt Politologe Džihić.

Damit wurde ein bürokratischer Regierungsapparat geschaffen, der nicht nur kompliziert ist, sondern auch viel Geld verschlingt. Konsens- und Entscheidungsfindung werden dadurch erschwert, darunter leidet laut Džihić auch die Effizienz und Funktionsfähigkeit des Gesamtstaates.

Ein konkretes Beispiel sind EU-Gelder, die Bosnien teilweise nicht ausgezahlt wurden, weil auf den verschiedenen Regierungsebenen notwendige Entscheidungen und Reformen nicht umgesetzt werden konnten.

Medina S. glaubt nicht, dass es auch nach diesen Wahlen angesichts des spezifischen politischen Systems in Bosnien und Herzegowina drastische Verbesserungen geben wird. Sie hofft aber, dass zumindest einige der Wahlversprechen erfüllt werden.

Auch Senad B. (Name von der Redaktion geändert) hat seine Stimme in der Bosnischen Botschaft in Wien abgegeben. Er hofft, dass die Korruption mit dem neuen biometrischen System eingedämmt wird und die Probleme der Bevölkerung dann auch aktiv angegangen …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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