
Das Procedere wiederholte sich an jedem der ersten vier Abende, des auf acht Konzerte (die anderen vier folgen im Februar 2027) angelegten Zyklus aller 32 Beethoven-Klaviersonaten von Igor Levit im Musikverein. Kaum war der letzte Ton verklungen, riss es das Publikum von den Sesseln, Bravos und Jubel für den Pianisten, die er mit fein auf den Abend abgestimmten Zugaben erwiderte.
Nicht genug damit, dass Levit mit seinem Spiel faszinierte, hatte er das Programm auch dramaturgisch klug gestaltet. Jedes der Konzert mutete wie ein Gesang in einem Epos an. Jede einzelne Sonate steuerte auf das finale Werk, ohne ihren eigenen Charakter aufzugeben.
Sämtliche Sonaten hatte Levit bereits vor einigen Jahren eingespielt, seit mehr als zwei Jahrzehnten gehört Beethoven zu seinem pianistischen Leben. Das Außerordentliche an diesen Abenden war sein frischer höchstkonzentrierter Zugang. Mit absoluter Konzentration spielte Levit jeden Takt und erzielte Effekte durch Fokussiertheit und Präzision.
Mit der ersten Sonate in f-Moll, op. 2/1 hob er rasant an. Das Allegro wurde zum feinsinnigen Rauschen, atemberaubend schnell raste er durch das Prestissimo. Über die Nummern 12 und 25, ging es im Wechsel zwischen Raserei und Schwelgerei zur „Waldsteinsonate“, Nr. 21 in C-Dur. In diesem populären Werk manifestierte sich die Hingabe, die Virtuosität und der Intellekt dieses Pianisten. Im Adagio erreichte er einen der vielen Höhepunkte dieser ersten Etappe. Das Innehalten, das Auskosten der Stille ließ die Spannung ins Unermessliche steigen, die sich im finalen Prestissimo entladen konnte.
Liebevolles Musizieren
Zum Ausbund an liebevollem Musizieren geriet der zweite Abend, der mit der Nummer 24 in Fis-Dur filigran anhob und im „Les Adieux“ endete. Wie eine Achse wirkte Teil drei. Höchst konzentriert hob Levit das Opus 10/1 an, als wäre man in einer anderen Welt. In die Wirklichkeit holte einen dann das Läuten eines Handys zurück. Dennoch wurde beim langsamen Satz einer jener Momente erreicht, die sich ins Gedächtnis einschreiben.
Die „Appassionata“ geriet zum furiosen Stop-and-Go, zur Achterbahn der Emotionen. Mysteriöse Glissandi, die wie angerissen wirkten, gespenstische Läufe, virtuose Triller, ein unbändiges Rasen und alles in absoluter Transparenz ließen diese Sonate in f-Moll, op. 57 zum Cliffhanger für das vierte Konzert werden. Das öffnete Levit wie ein Buch über ein großes Seelendrama mit der „Sturm“-Sonate und führte über zwei frühe Sonaten, Nr. 3 und 11, zur sublim ausgeloteten „Pathetique“.
Source:: Kurier.at – Kultur



