„Eine Stimmung wie kurz vor dem Aufstand“: Warum Frankreich weitere Gewalt droht

Politik

Von Simone Weiler aus Paris

Ganz besonders schwer getroffen hat es an diesem Samstag das Rathaus von Limoges. Die Flammen fraßen sich am Gebäude hoch, erreichten den Dachstuhl und den zentralen Turm, der schließlich einstürzte. Am Abend dieses chaotischen Tages war das denkmalgeschützte Bauwerk verwüstet, vielleicht unwiederbringlich zerstört durch anonyme Brandstifter. In Lyon ging das Tourismusbüro, ebenfalls ein denkmalgeschütztes Gebäude an der Place Bellecour, in Flammen auf.

„Das ist unser Gemeingut“

Ihm breche es das Herz, reagierte der grüne Bürgermeister der Stadt, Grégory Doucet. „Ich verurteile diese inakzeptablen Gewaltszenen aufs Schärfste. Unsere öffentlichen Gebäude sind unser Gemeingut.“ Auch der Amtssitz der Präfektin von Bordeaux wurde angegriffen. Zeitweise drangen Menschen in die Rathäuser von Marseille und Lille ein.

 

Was als landesweiter Protesttag gegen die steigenden Lebenshaltungskosten und fehlende Mittel für die Schulen des Landes angekündigt war, artete stellenweise in blindwütige Gewalt aus. Zwar drängten sich Zigtausende, oft mit selbst gebastelten Plakaten, in den Straßen und auf den Plätzen, um friedlich zu demonstrieren. Viele beunruhigt der Haushaltsentwurf mit vielen geplanten Einsparungen, durch die die Regierung das hohe Defizit verringern will.

Gezielte Angriffe auf Geschäfte

Zugleich lieferten sich Protestler heftige Zusammenstöße mit der Polizei, die Wasserwerfer und Tränengas einsetzte, um die Menge zu zerstreuen. Oft vermummte junge Leute bauten Barrikaden auf, setzten Mülltonnen und Autos in Brand. In etlichen Städten von Paris über Bordeaux bis Toulouse griffen Grüppchen von Menschen gezielt Geschäfte an, zerstörten Vitrinen, plünderten die Läden. „Es herrscht die Stimmung wie kurz vor einem Aufstand“, sagte Fabien Maguin, ehemaliger Angestellter der politischen Bewegung „Motivé.es“. „Wir machen Revolution“, skandierten andernorts die Demonstrierenden.

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Erinnerung an die Gelbwesten

Erinnerungen an die Protestbewegung der „Gelbwesten“ („gilets jaunes“) kamen auf, deren samstägliche Proteste ab Herbst 2018 über Monate hinweg ebenfalls von erschütternden Gewalt- und Plünderszenen begleitet waren. Einige der an den damaligen Protesten beteiligten Persönlichkeiten hatten nun zu einem Wiederaufleben der Bewegung aufgerufen, um erneut ihrer Wut auf die Regierung Ausdruck zu verleihen und sich den protestierenden Schülerinnen und Schülern anzuschließen. Seit mehreren Wochen blockieren diese Gymnasien, um für bessere Lernbedingungen und mehr Personal zu kämpfen.

Wie vor acht Jahren handelte es sich auch an diesem Samstag nicht um angemeldete, organisierte Demonstrationen mit einer klar definierten Marschroute. Stattdessen versammelten sich Hunderttausende Unzufriedene mit diversen Forderungen an verschiedenen Orten der Städte. Sie alle eint die Sorge vor hohen Benzinpreisen, aber auch eine oft generelle Wut auf die Regierung. Die oft harte Reaktion der Polizei gegenüber den Schülern, von denen Hunderte in Untersuchungshaft gebracht wurden, schürte diese noch an.

Landesweit waren laut Innenministerium 550.000 Menschen auf den Straßen, davon 110.000 allein in Paris, die Gewerkschaft CGT meldete hingegen 800.000 Teilnehmende. Festgenommen wurden insgesamt 1.800 Menschen. Die Zahl der Verletzten war zunächst nicht bekannt. In Saint-Étienne verlor ein 17-Jähriger eine Hand durch eine Polizeigranate. In Paris verstarb eine Person, die bei den Protesten das Bewusstsein verloren hatte.

„Ultralinke und radikale Linksextremisten“

Laut Innenminister Laurent Nunez wurden 150 Polizisten und Gendarmen verletzt. Der Minister machte die „Ultralinken“ und „radikale Linksextremisten“ für die Ausschreitungen verantwortlich. Die Gewerkschaft CGT wiederum erklärte, die polizeiliche Repression „zielt darauf ab zu verhindern, dass die Bevölkerung bei Demonstrationen …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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