
Auch unter jenen Museumskuratorinnen und Kuratoren, die sich primär als Wissenschaftstreibende verstehen, sollte sich eigentlich die Einsicht herumgesprochen haben, dass eine Ausstellung sich nicht dadurch gestaltet, dass man seine jüngsten Seminararbeiten oder Konferenz-Präsentationen häckselt und an einer Wand verteilt.
Dieser Eindruck bietet sich allerdings derzeit auf den Sonderschauflächen des Weltmuseums Wien, das kraft seiner Sammlungen im Reigen der ethnografischen Museen angeblich Weltgeltung besitzt, aber seit dem Aufstieg seines Chefs Jonathan Fine an die Spitze des KHM-Verbands 2025 programmatisch und kuratorisch völlig verwaist erscheint.
Aktuell lockt eine Schau mit dem vielversprechenden Titel „Blutregen – Fotografie und Waffenhandel“ in jene drei Parterre-Räume, die im Zuge einer fürs Publikum verwirrenden, KHM-Umbauplänen geschuldeten Raum-Rochade nicht der Antiken-Schau „Tatort Ephesos“ zugeschlagen wurden (dazu demnächst mehr).
Es geht in dieser Ausstellung um vieles, darunter auch Waffenhandel, doch es ist nahezu unmöglich, eine Erzählung zu erkennen: Das Publikum findet sich am Eingang mit einer Textflut konfrontiert, die über die Rolle von Museen im Kolonialismus referiert, statt Orientierung zu bieten.
Im anschließenden Wand-Labyrinth entdeckt man Objekte aus verschiedenen Kulturen, die zum Schutz gegen Waffengewalt dienten, außerdem Fotos von der Erschießung Kaiser Maximilians von Mexiko und kugelsichere Westen: Objekte, die zwar vom eigentlichen Thema wegführen, aber wohl etwas zu erzählen hätten, würde man sie angemessen kontextualisieren.
Sprunghaft und unklar
Stattdessen springt die Ausstellung von einem Thema zum nächsten, lässt keine Besucherführung und keine Hierarchisierung des Gezeigten erkennen: Manche Fotos hängen neben langen Texten (übersichtlich gegliedert ist keiner davon), andere bleiben unkommentiert, es ist unklar, wo ein Kapitel beginnt und eines aufhört.
Was ist da mit dem Hologramm einer Maschinenpistole, und was hat das Gefäß daneben zu bedeuten? Warum beginnt dahinter gleich ein kleinteiliges Kapitel über den Waffensammler Baron Joachim von Brenner-Felsach? Und was war nochmal das Thema der Ausstellung?
Die Bereichstexte, die das KHM dem KURIER zur Verfügung stellte, umfassen gesammelt 19 eng bedruckte A4-Seiten. In der Ausstellung erstirbt die Motivation, auch nur eine Zeile davon zu lesen.
Bevormundung
Diese Textüberfrachtung, verbunden mit einem Misstrauen gegenüber der Idee, Objekte zu einem mündigen Publikum sprechen zu lassen, zieht sich auch durch die Foyer-Räume, die im Obergeschoß der Schausammlung vorgelagert sind. Hier hat man unter dem Motto „Verborgene Geschichten“ sogenannte „Schätze aus den Sammlungen“ hervorgeholt und die Arkadengänge so verplattet, dass das auch so schon unwirtliche Atrium noch etwas unwirtlicher wirkt.
Die „Schätze“ kreisen um die Themen „Haarschmuck“, „Steinskulpturen“ und „Zeitgenössische Kunst aus Pakistan“, wobei man über die Gründe, warum gerade dies Auswahlkriterien waren, rätseln darf.
Zeitgenössische Kunst jedenfalls diente im Weltmuseum und dem angegliederten Theseustempel auch schon in vorangegangenen Ausstellungen primär als kuratorische Spachtelmasse. In der Foyer-Schau ist sie dazu noch unterirdisch schlecht präsentiert: Traurige Bilder hängen hier von der Decke wie auf einer Provinzkunstmesse.
Kalendersprüche
Dafür wird das Publikum auf Textbahnen instruiert: „Nehmen Sie sich bewusst Zeit für die Betrachtung. Kunstwerke erschließen sich oft erst nach längerem Ansehen.“
Man würde ja verweilen, fühlte man sich bloß nicht derart bevormundet. Also nimmt man sich die knapp bemessene Zeit, um im Saal nebenan die völlig unübersichtlich geordneten Beschriftungen den meterweit entfernt platzierten Haarnadeln und Kämmen aus aller Welt zuzuordnen.
Eine weitere Ausstellung – „Lebendige Erinnerungen aus Paraguay“ …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



