
Ein Kind tobt über die Bühne. Es ist Siegfried, wütend, weil er nicht glauben will, dass der pädagogisch hoffnungslos überforderte, stets jammernde Mime wirklich sein Vater ist. Quentin Becker spielt ihn stumm ganz großartig. Gesungen wird er vom Bühnenrand von Benjamin Bruns, der immer mehr ins Spiel eingreift.
Tobias Kratzer lässt „Siegfried“, in der Fortsetzung seiner Inszenierung von Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ an der Bayrischen Staatsoper, in einer billigen, heutigen Wohnküche (Ausstatter: Rainer Sellmaier) samt Hamster, Aquarium und Kuscheltieren spielen. Mikrowelle und Toaster müssen für die Schmiedeszene, die unter einem Leintuch stattfindet, herhalten.
Neidhöhle befindet sich in einer schäbigen, mehrstöckigen Häuserfront, vor der viel Unrat herumliegt und dubiose Figuren herumlungern. Essenszusteller, rauchende Mädchen, Obdachlose, auch ein Polizeiauto mit Blaulicht tauchen auf. Alberich und Siegfried trinken wie Kumpels gemeinsam ein Bier. Fafner speit beachtliche Feuerbälle aus dem Stiegenhaus heraus.
Alles ist in diesen beiden Akten zu kleinteilig illustriert und optisch ziemlich überfrachtet. Nachdem Wotan im Beisein von bewaffneten Männern in glänzenden Rüstungen Erda auf schwarzer Bühne mit Waterboarding gefoltert hat, findet das Finale im Königssaal – einer Nachbildung des Saals der Staatsoper – statt, wo dann die erweckte Brünnhilde und Siegfried die Spiegelwände mit Kinderzeichnungen bemalen und wo zum Schluss auch noch die Walküren auftauchen. Natürlich gibt es auch wieder eine Menge beschreibende Videos, in der sich die Zeiten überlagern.
Vieles erscheint logisch und durchdacht, die Personenführung ist detailliert durchgearbeitet, nur fehlt es insgesamt an stimmungsvoller Poesie.
Sängerisch ist von einem fabelhaften Debüt zu berichten: Benjamin Bruns singt die mörderisch schwere Parte des Titelhelden zum ersten Mal und bietet eine tolle Leistung. Er hat sich die Geschmeidigkeit eines Mozart-Tenors bewahrt und verfügt über einen hellen Tenor mit allen Höhen und viel Power, ohne dass man Angst um ihn haben muss. Und auch an allen anderen Positionen gibt es keine Schwachstelle, in diesem Stück, das ja oft eher als der Durchhänger der „Ring“-Tetralogie gilt: So sieht Nicholas Brownlee als „Wanderer“ wie ein abgehalfterter Rocker aus, bei dem man jedes Wort versteht. Sein Wotan ist von archaischer Kraft aber auch warm, feinsinnig und reich schattiert. Große Klasse ist ebenso Georg Nigl, ein hasserfüllter aber auch verzweifelter, sehr präsenter Alberich mit schneidender Stimme. Sehr gut, nur in der Tiefe etwas zu leise, hört man den Mime von Matthias Klink. Mit schönem, warmem Mezzo singt die Erda der Wiebke Lehmkuhl. Die Brünnhilde von Simone Schneider erklingt mit allen sicheren, jubelnden und leuchtenden Spitzentönen. Timo Rihonen ist ein präsenter Fafner mit schwarzem Bass.
Auch dem Bayerischen Staatsorchester unter seinem Chefdirigenten Vladimir Jurowski zuzuhören, ist purer Genuss. Wahrscheinlich ist es bisher der beste Abend der Tetralogie: Stets große Transparenz, teils schlanke und lyrisch einfühlsame Klänge aber auch aufrauschend wirkungsvoll dramatisch Spannung mit aufregenden Akzenten sind aus dem Graben zu hören. Großer Jubel.
Source:: Kurier.at – Kultur



