Bruno Dumont auf der Viennale:: „Menschen in der Rohfassung“

Kultur

Wow, was für eine Kulisse, denkt man sich, wenn sich gleich im ersten Bild auf der Kinoleinwand die ganze Schönheit der französischen Côte d’Azur offenbart. Schroffe, rote Felsen, weiße Strände, dahinter Pinienwälder und ein mittelalterlicher Viadukt, über den alle zwanzig Minuten der Zug von Marseille zur italienischen Grenze vorbeigleitet. Der Franzose Bruno Dumont, der ansonsten für seine radikalen Autorenfilme („La Vie de Jésus“, „Camille Claudel“, „P’tit Quinquin“) bekannt ist, fängt

in seinem neuen, bei der Viennale präsentierten Film „Les Roches Rouges“ („Die roten Felsen“) die Reinheit der Kindheit in dieser puren Landschaft ein. „Die berückende Landschaft rund um St. Raphaël ist für mich ein ideales Sinnbild der Kindheit. Auch sie verklärt man wie die Eindrücke, die man als Kind empfindet“, sagt Bruno Dumont, der im Rahmen der Viennale gerade auf Wien-Besuch ist, im KURIER-Gespräch: „Diese Sorglosigkeit und Freiheit kommt später nie wieder. Kindsein, auch mit allen Streitereien und Eifersüchteleien, ist die Grundlage dessen, wie man ein Mensch wird – im Guten wie im Bösen. Dieses Pure, bevor die Kinder Männer und Frauen werden, das wollte ich sichtbar machen. Menschen in ihrer Rohfassung sozusagen.“

Dumont erzählt von zwei Kindergruppen, die das Leben an der Côte auf ihre Art genießen: Sie springen tollkühn von den Felsen ins Meer, düsen mit ihren Quads durch die Gegend, essen Eis und buhlen um das schönste Mädchen. Dreh- und Angelpunkt ist der strohblonde Géo, der aussieht wie Boris Becker als kleiner Bub und ebenso ehrgeizig wie dieser damals erscheint. Kein Felsen ist Géo zu hoch, kein Annäherungsversuch an die niedliche Eve zu peinlich. „Géo war mir auf Anhieb sympathisch, er ist schon eine Nummer. Ich habe ihn einfach sein lassen, wie er ist. Da ist nichts gespielt.“ Generell arbeite er gerne mit Laien, so Dumont: „Mein Faible, mit nicht-professionellen Schauspielern zu drehen, rührt wohl von meinen Anfängen als Werbe- und Industriefilmer. Da habe ich mein Handwerk gelernt. Damals wäre ich nie auf die Idee

  Zanele Muholi im Foto Arsenal: Narben, Posen, Regenbogen

gekommen, einen Schauspieler zu engagieren, der einen Arbeiter spielt. Ich habe klarerweise den Arbeiter selbst genommen.“ Natürlich seien Laien oft scheu und unsicher vor der Kamera, aber „das stört mich nicht. Ich mag das.“

Bevor Dumont Filme drehte, war er Philosophieprofessor. Ein ungewöhnlicher Wechsel. Für ihn jedoch kein großer Sprung oder Bruch in seiner Biografie: „Philosophie ist abstrakt und intellektuell, sie ist schwer zu begreifen. Das Kino ist das Gegenteil. Es ist evident, alles ist klar sichtbar, nicht intellektuell, sondern emotional zu fassen. Es geht um Lebenslust, Leiden, Liebe, Neid und Gewalt. Alle Dinge des Lebens, aber eben anders aufbereitet als von Philosophen.“

Zusätzliche Dynamik und Authentizität gewinnt „Les Roches Rouges“ durch den Einsatz einer Handkamera, mit der Dumont ganz nahe an den Kindern war. „Ich konnte mit den Kindern immer nur vier Stunden am Stück drehen, musste also schnell sein. Kinder stehen nicht still, sie sind immer in Bewegung. Es ist daher fast unmöglich, sie zu kadrieren. Also beschloss ich, mich einfach neben und mit ihnen zu bewegen und so ihre Energie einzufangen.“

Aufstand der Jugend

Dass der Film so ganz anders ist als seine bisherigen, war eine …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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