
In dem von Protesten und Boykottaufrufen geprägten Trubel der Eröffnungstage muss man daran erinnern, dass die Kunstbiennale von Venedig nicht primär als symbolischer Kampfplatz und auch nicht allein als Länderbewerb im Vorfeld des Song Contests verstanden werden will: Die Schau, die bis 22. 11. läuft, ist nicht zuletzt ein Barometer aktueller Kunst und Impulsgeber für ebendiese.
Die riesige Hauptausstellung, die sich über weite Teile des Arsenale-Geländes und den zentralen Pavillon der Giardini erstreckt, tritt heuer prononciert in Kontrast zu den Länderbeiträgen und polarisierten Auseinandersetzungen, etwa um die Teilnahme Russlands und Israels.
Ahnung und Vermächtnis
Ob die Kuratorin Koyo Kuoh all dies vorausahnte, muss Spekulation bleiben: Die gebürtige Kamerunerin, die lange in der Schweiz lebte, starb im Mai 2025 überraschend an Krebs. Sie hinterließ ein Konzept, das nun von einem Team umgesetzt wurde. Vor allem aber hinterließ sie eine Vision, die „In Minor Keys“ über zuletzt gezeigte Biennale-Schauen hinaushebt.
„In Minor Keys“ lässt sich mit „In Molltonarten“ übersetzen, was musiktheoretisch etwas diffus ist. Es reicht aber zu wissen, dass die Schau schon in ihrer Struktur und der Raumabfolge auf wiederkehrende Motive, Rhythmen und Stimmungen achtet: Das Arrangement von Kunstwerken, die selbst oft mit Musik, aber teils auch mit Gerüchen und einem enormen Reichtum an Materialien arbeiten, resultiert in einer Verlangsamung, die beim Durchwandern körperlich spürbar ist.
Zuhören, ein rares Gut
Immer wieder pocht „In Minor Keys“ auf das genaue Hinschauen. Es ist dabei keine einfache Schau: Wenn etwa im achteckigen Saal des Giardini-Pavillons Materialskulpturen neben Werken des Avantgarde-Übervaters Marcel Duchamp zu stehen kommen, erschließt sich das nicht sofort. Doch bald sind Ideen zu erkennen: Etwa, dass die eingeübte Praxis, in der sich Künstler am Alltäglichen und „Wertlosen“ bedienen, hier auf den Kopf gestellt ist.
Der Orbit von Koyo Kuoh ist stark, aber nicht ausschließlich auf Afrika zentriert. Künstlerinnen und Künstler, die immer schon aus dem Geist des Recyclings arbeiteten, sind in der Schau Helden – und jene, die sich Traditionen aneignen.
Der Unterschied zu früheren Kunstschauen, in denen ein „globaler Süden“ teils rabiat an die Tür der westlich zentrierten Welt klopfte, ist das Niveau der Auseinandersetzung – und die sinnliche Qualität der Werke.
Sinn und Sinnlichkeit
Kuoh (und ihr Team) holte exquisite Arbeiten vor den Vorhang: Die famosen Linolschnitte der Japanerin Alexa Kumiko Hatanaka, die aus aufgeschichteten Motiven konstruierten Gemälde der Amerikanerin Tammy Nguyen oder die feinsinnigen Zeichnungen von Pio Abad (Philippinen) sind nur drei exemplarische Entdeckungen.
War noch bei der Biennale 2024 die Identität als Teil einer Randgruppe das zentrale Kriterium (das Motto lautete „Fremde überall“), ist hier die künstlerische Vision bestimmend. Und die meisten Protagonisten sind längst in die professionellen Strukturen des Kunstbetriebs integriert.
Dabei schwelgt „In Minor Keys“ keineswegs im puren Ästhetik-Taumel: Fast alle Beiträge verfolgen auch gesellschaftskritische Anliegen. Der Franzose Kader Attia fragt in seiner Auseinandersetzung mit vietnamesischen Geistermythen etwa, ob man sich KI und Technologie generell als beseelt vorstellen muss.
Der Gedanke hallt in vielen Skulpturen wider, die eben auch als Kultfiguren gedacht werden können. Der Kongolese Sammy Baloji zeigt vergrößerte afrikanische Skulpturen und liefert eine Erzählung über kolonialen Kunstraub und die Extraktion von Bodenschätzen in …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



