Florentina Holzinger in Venedig: Eine Menschenglocke schlägt Alarm

Kultur

Was macht Florentina Holzinger? Theater, Performance, Tanz? Zirkus oder Jahrmarktspektakel? Alles zusammen. Denn die Meisterin im Recyceln schnappt sich, was ihr taugt – und kombiniert das, gewürzt mit feministischer Power, neu. Sie verwendet bevorzugt das Wort „Show“.

Aber wie passt das mit der Kunstbiennale Venedig zusammen? Sie könne, sagt sie, mit dem Wort „Installation“ leben. Immerhin setzt sie in den österreichischen Pavillon mächtige skulpturale Elemente (die in anderem Kontext bloß Requisiten wären). Und „Seaworld Venice“, so der Titel, ist nichts anderes als eine „Mid-Career Show“. Holzinger recycelte einfach ihre letzten Bühnenarbeiten.

Alle jene, die noch keine Produktion von ihr kennen, werden die Augen aufreißen, darunter Boulevardjournalisten und Populisten. Eingeübte lächeln vielleicht müde.

Holzinger spielt eben – in mehrfacher Hinsicht. Sie gibt jenen, die sich echauffieren wollen, mit einem ungemein breiten Grinsen Unmengen Zucker, allein schon mit dem Satz „I live in your piss“ in Versalien. Denn im Zentrum ihrer Venedig-Arbeit stehen zwei Trenntoiletten von Laufen: Der Urin des Publikums wird angeblich pipifein gefiltert und landet in einem Aquarium, in dem eine natürlich nackte Performerin mit Sauerstoffmaske steht (wie in „Ophelia’s Got Talent“).

Stimmt das? Oder doch nicht? Holzinger macht Theater: Sie greift auf Tricks zurück, sie spielt mit Sein und Schein, mit Wahrheit und Lüge. Hinzu kommt noch so etwas wie Dramaturgie. Holzinger weiß eben, wie man theatralische Effekte setzt.

Ihre „Show“ begann am Mittwoch nicht um 12.30 Uhr mit der verregneten Eröffnung, sondern um halb zehn mit einem „Mystery Ride“. In drei Passagierschiffen wurden 200 Gäste in die Lagune geschippert: Nahe der Isola di San Clemente wartete ein Frachtboot mit Tribüne. Parallel dazu lag für das Spiel am See ein Schiff samt Kran vor Anker. Das hätte David Copperfield gefallen! Doch Holzinger zauberte nicht den Campanile weg: Sie kündigte eine Bergung an. Monatelang hätte sie Venedig erforscht – bei vielen Tauchgängen auch die Kanäle. Man hätte in den Gewässern nicht einmal die Hand vor der Brille gesehen. Aber dann, weit draußen …

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Lässig posierten die nackten Mitstreiterinnen auf den Kettenrädern des Krans, daneben begann die Ouvertüre der auch musikalischen „Étude“ mit Geigengekrächze und Bass-Läufen zu Synthesizer-Musik. Was dann folgte, war erwartbar: Die Gitarristin erklomm den stolz erigierten Penis, also den Arm des Krans, und steuerte ein paar Riffs bei. Zu einer Schreiorgie zog der Kran schließlich eine Glocke empor – mit Holzinger als Klöppel. Ähnliches hat man auch in „Sancta“ gesehen. 

Die Glocke wurde in ein Beiboot gehievt, die Amazonen verschwanden damit in Richtung Giardini. Eine Stunde später die Überraschung: Die Glocke hing an einem Felbermayr-Kranwagen – unmittelbar vor dem symmetrischen Pavillon, der Holzinger an eine Kathedrale erinnert.

O Zeiten, o Sitten!

Die Künstlerin ist eine G’schichtldruckerin. Denn es gab keine Bergung, und natürlich gibt es zwei baugleiche Glocken mit je zwei Reliefs: einerseits unter der Weisheit „o tempora o mores“ ein Zitat des Letzten Abendmahls mit nackten Frauen (im katholischen Italien!). Und andererseits, als Verweis auf „Sancta“, eine an den Schulterblättern aufgehängte Frau.

Nach einer Wutrede übergab Holzinger die Bühne (sie sagte „Stage“) dem Kulturminister („Mister Babler“), der eine Nähe zum Wiener Aktionismus darlegte (was die Künstlerin gar …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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