Kammerspiele: Lennys erster Nazi

Kultur

Wien, 1988: In der Blauen Bar im Hotel Sacher treffen zwei alte Bekannte aufeinander. Beide sind weltberühmt: die Dirigenten Leonard Bernstein und Herbert von Karajan. Zwischen ihrem ersten Treffen 1954 in Mailand und dem (historisch nur zum Teil belegten) Abend in der Blauen Bar liegen Jahre, die von Rivalität, aber auch, wie sich herausstellen wird, gegenseitiger Bewunderung geprägt sind. Thema ist auch so etwas wie Vergangenheitsaufarbeitung zwischen dem jüdisch-amerikanische Dirigenten Bernstein und seinem Salzburger Kollegen, der sogar zweimal der NSDAP beigetreten ist. Im Stück wirbt Karajan zwar für Verständnis für seine karrierebedingten Entscheidungen, doch er zeigt auch so etwas wie Schuldbewusstsein, was historisch nicht nachvollziehbar ist. Bernstein soll Karajan später in privatem Rahmen als seinen „ersten Nazi“ bezeichnet haben.

In Peter Danishs Stück „Letzte Runde“, das am Donnerstag in den Wiener Kammerspielen unter der Regie von Guy Ben-Aharon zum ersten Mal in Österreich gezeigt wurde, darf Karajan bereuen. Beide Giganten dürfen zutiefst menschliche Gefühle der Rivalität, des Neids, und der gegenseitigen Bewunderung zeigen. Danish imaginiert in seinem Stück ein Gespräch zwischen Bernstein und Karajan, das auf Wahrnehmungen des Kellners, der bei diesem letzten Treffen dabei war, beruht. Karajan starb ein Jahr danach, Bernstein 1990.

Recht arglos zu Beginn, entwickelt der neunzigminütige Abend eine überzeugende Dynamik, die in einen wirklich rührenden Schluss mündet. Musikgeschichte (zum Großteil anhand mehr oder weniger bekannter Fakten) und persönliche Entwicklungen (die so nicht belegt sind) werden hier in einen klugen und unterhaltsamen Abend gepackt, der gut in die Kammerspiele passt. 

  Bildhauer Franz Xaver Ölzant 82-jährig gestorben

Das Setting: Eine plüschige Bar, die dem Vorbild im Sacher sehr nahekommt (Bühne: Cristina Todesco). Sie wirkt leicht verstaubt und so lässt sich zunächst auch das Stück an. Bernstein, hier bereits recht zerzaust, wird von Günter Franzmeier als zappeliges Genie dargestellt, in der einen Hand stets eine Zigarette, in der anderen ein Glas Ballantine’s. Karajan hingegen, von Michael Dangl großartig entschlossen, gefasst und zugleich menschelnd gezeichnet, trinkt Tee und bereitet sich auf Brahms‘ 1. Symphonie vor, die er ja erst 161 Mal gespielt hat. Arbeitsethos geht ihm über alles.

Erwähnenswert an dieser Stelle die authentischen Outfits (Kostüme: Charles Schoonmaker): Bernstein trägt dunkelrotes Samtsakko und Halstuch, Karajan einen beigen Rollkragenpulli, über die Schultern hat er, vermeintlich lässig, einen weiteren Pullover geschlungen –  er sei zum bestgekleideten Mann der Stadt gekürt worden, erfahren wir. Ein wahrer „Sexgott“, macht sich der schon leicht angeschickerte Lenny über ihn lustig, nachdem er ihn als den „zweigrößten Dirigenten der Welt“ begrüßt hat.

Es hagelt Sticheleien, man beweint die Vergangenheit und diverse Wehwehchen. Das Geplänkel der Herren wird immer wieder von Kellner Michael unterbrochen, der neugierig fragt, ob die beiden noch etwas brauchen (schön altwienerisch: Alexander Strömer).

Was wie eine Neil-Simon-Komödie à la „Ein Seltsames Paar“ beginnt, gewinnt im Lauf des Abends an Substanz. Da ist einerseits die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit Karajans samt dessen Vorwurf an Bernstein, als Amerikaner könne man sich nicht vorstellen, was sich damals in Europa abgespielt habe. Vor allem aber ist da die Leidenschaft für Musik, die die beiden vereint, aber auch trennt: Da der disziplinierte Arbeiter Karajan, dort der unter Genieverdacht stehende Bernstein, der …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

(Visited 1 times, 1 visits today)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.