
„Wir grüßen unsern Thomas Mann. Er lebe hoch! Hoch! Hoch!“
Der deutsche Schriftsteller Thomas Mann klettert steif aus einer Limousine und nimmt den strammen Gruß der deutschen Jugend in der sowjetischen Besatzungszone entgegen. Hinter ihm seine Tochter Erika, die den Vater auf seiner Reise begleitet. Nur wenige Tage zuvor haben die Manns in Frankfurt am Main Station gemacht, wo Thomas Mann den Goethepreis entgegennahm. Heute ist Weimar an der Reihe.
Soweit, so historisch.
Tatsächlich reiste im Jahr 1949 der damals 74-jährige Lübecker Autor und Literaturnobelpreisträger Thomas Mann ins Nachkriegsdeutschland. Es war das erste Mal nach dem Zweiten Weltkrieg, dass Mann sein amerikanisches Exil verließ und deutschen Boden betrat. Anlass der Reise waren die offiziellen Feierlichkeiten rund um den 200. Geburtstag von Johann Wolfgang von Goethe.
„Vaterland“ (derzeit im Kino) nannte der polnische Regisseur Paweł Pawlikowski sein charismatisches Roadmovie, mit dem er in Cannes die Silberne Palme für beste Regie gewann. Wie alle seine Filme in glasklarem Schwarz-weiß gedreht, erzählt er in „Vaterland“ die Goethe-Reise von Thomas Mann durch das geteilte Deutschland – und hielt sich dabei bewusst nicht immer an die Fakten.
Der Geist Goethes
Anstelle von Katja Mann, die damals ihren Gatten begleitete, stellte er Erika Mann dem Vater zur Seite. Für die Besetzung schöpfte Pawlikowski die Creme de la Creme deutscher Schauspielkunst ab: Hanns Zischler als melancholischer Thomas Mann sieht seinem Vorbild verblüffend ähnlich, Sandra Hüller als Tochter Erika unterfüttert mit trockenem Humor ihre eigene Lebenstragödie. Die Trauer um den Tod von Erikas Bruder Klaus hängt schwer über den beiden Reisenden. Trotzdem versucht Vater Thomas unbeirrt, in geschliffenen Reden dem geteilten Deutschland den Geist Goethes einzuhauchen.
„Mich interessiert an der Geschichte besonders die Verbindung zwischen dem historischen und dem persönlichen Drama“, sagt Paweł Pawlikowski im KURIER-Gespräch: „Thomas Mann verkörpert für mich die deutsche humanistische Kultur. Nach sechs Jahren im Exil kehrt er in ein zerstörtes und geteiltes Deutschland zurück und wirkt dort wie eine exotische Figur. Ähnlich wie Don Quichote versucht er, etwas wiederherzustellen – in seinem Fall auf der Grundlage von Kultur und Literatur.“
Pawlikowski, dessen Drama „Ida“ 2013 mit dem Auslandsoscar ausgezeichnet wurde, las die Literatur von Mann schon in seiner Jugend: „Ich schätze Manns leicht distanzierten, aber – wie er mit Goethe sagt: offenen Blick. Er ist in der Lage, die Widersprüche des menschlichen Daseins zu verstehen und darzustellen. Er kann verschiedene Perspektiven zeigen und Empathie ermöglichen. Er vereinfacht die Welt nicht, sondern zeigt, dass sie kompliziert ist, dass sie manchmal schön und manchmal tragisch ist. Mit zunehmendem Alter bedeutet Thomas Mann mir immer mehr, besonders in einer Welt, die zunehmend nach den Regeln der Vereinfachung und Polarisierung funktioniert.“
Obwohl von offizieller Stelle in Deutschland hoch geehrt, kommt Thomas Mann nicht überall gut an. Bei einer Pressekonferenz in Frankfurt wird er gefragt, ob er, der Deutschland 1933 verlassen hat, sich nicht auch den Vorwurf des Landesverrats gefallen lassen muss. In anonymen Schmähbriefen wird er als Marionette der Kommunisten beschimpft.
Ein gewisser Hitler
Was die Wiedergabe der offiziellen Goethe-Reden in seinem Film betrifft, hält sich Pawlikowski getreu an die Originaltexte von Mann. Aber wenn es darum geht, …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



