
Musik in einen Raum übersetzen: Geht das? Als Gustav Klimt 1902 seinen heute weltberühmten „Beethovenfries“ malte, hatte er wohl dergleichen im Sinn: Seine Bildmotive folgen Richard Wagners Interpretation von Beethovens 9. Symphonie, die Abfolge der Figuren leitet zu einem Höhepunkt, an dem ein Chor ein Paar flankiert („diesen Kuss der ganzen Welt“).
Bernhard Leitner hat nun im Souterrain der Wiener Secession, wo der Fries täglich von Hunderten Besuchern bestaunt wird, ein Lautsprecher-Arrangement im Raum platziert. Es sendet in einem bestimmten Intervall spitze Töne aus. Von einem Trichter reflektiert, sind diese Töne tatsächlich genau im Raum zu identifizieren – wie Stangen oder Speere, die man allerdings nicht sieht.
Hören und Sehen
„Das ist auch ein bisschen das Problem meiner Arbeit“, sagt der Künstler, der nach Stationen in New York, Berlin und Paris viele Jahre an der Wiener „Angewandten“ unterrichtete und heute in Wien und im Weinviertel lebt.
Leitners Werkschau im Hauptraum der Secession (bis 22. 11.) bietet nach langer Zeit wieder eine Gelegenheit, seine analytischen, zugleich unmittelbar erfassbaren „Sound-Space-Skulpturen“ zu erleben: Viele der Werke des 1938 Geborenen sind nämlich auch nicht transportabel.
Einen „Ton-Raum“ an der Technischen Universität Berlin, den Leitner 1984 realisierte, gebe es dank guter Wartung immer noch, sagt der Künstler stolz. Andere Installationen – etwa ein „Ton-Feld“ vor der einstigen IBM-Zentrale in der Lasallestraße, das bis 2020 bestand – hätten Umbauten nicht überlebt: „Heute sind Fahrradständer dort.“
Die Secession führt nun aber umfassend in das Universum des studierten Architekten und Stadtplaners ein: Etwa mit dem zentralen Kubus im Ausstellungsraum, in dem sich akustische Flächen zu heben und zu senken scheinen. Im Werk „Pulsierende Stille“ schreitet man zwischen Metallplatten, die in eine Schwingung knapp an der Hörbarkeitsschwelle versetzt werden.
Auf der erstmals 1983 realisierten „Ton-Liege“ übertragen sich Töne auf Körperpartien. „Der Klang hört ja nicht bei der Haut auf, er geht in den Körper hinein – wohin genau, wissen wir nicht“, sagt Leitner. „Ich sage aber immer, dass ich mit dem Knie besser höre als mit der Wade.“
Auch wenn die Technik – mit Surround-Sound in Kinos und in Multimedia-Räumen – seit Leitners ersten Experimenten gigantische Fortschritte gemacht hat, werde Klang „immer noch nicht so verstanden, wie ich ihn verstanden haben will“, sagt der Künstler: nämlich in seiner Eigenschaft, Räume zu formen und zu definieren.
„Unser Befinden in einem Raum hängt von der Akustik ab, nicht unbedingt von dem, was wir sehen“, führt Leitner aus. „Architekten verstehen fast nichts von Akustik, sonst würden sie andere Formen bauen, andere Materialien verwenden oder andere Proportionen wählen. Es ist aber immer noch so, dass man Betonbauten errichtet, und die werden dann gedämmt. Eine absurde Vorgehensweise.“
Sounds of Silence
Allein bei Konzertsälen sei die akustische Planung ausgereift. „Das interessiert mich aber wieder nicht“, sagt Leitner. „Die Akustik unserer Umgebung ist viel spannender.“
Seine Installationen bauen auf einer ständig wachsenden Klangbibliothek auf, in der sich Naturgeräusche – das Plätschern eines Bachs, das Rauschen in einem Maisfeld – ebenso finden wie elektronische Klänge. Die spitzen Töne, die den Raum mit Klimts Beethovenfries durchbohren, stammen übrigens von einem Trautonium – einer Vorform des Synthesizers, deren Erfinder Friedrich Trautwein …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



