Überlastetes Justizsystem: Englische Richter künftig via Zoom

Politik

Es sind Bilder, die sich aus Dutzenden Filmen und Serien eingeprägt haben: Britische Richter mit ihren weißen Pferdehaarperücke, die erhöht auf ihrer Richterbank sitzen, ihren prüfenden Blick konzentriert auf die Anwälte und die Angeklagten gerichtet. 

Künftig wird dieser Blick immer öfter durch einen Bildschirm kommen.

Nicht nur in Österreich, auch in England und Wales ist die Justiz in der Krise. Ein neues Konzept soll hier Erleichterung schaffen: Zunächst in London und Nordost-England, anschließend im ganzen Land, sollen Richter die Möglichkeit bekommen, sich mittels Zoom-ähnlichen Links von anderen Orten in England und Wales zuzuschalten.

Diese Maßnahme, erklärte Anwältin und Labour-Politikerin Sarah Sackman, nutze „die Möglichkeiten der Technologie, um Gerichte im Land miteinander zu vernetzen, Ressourcen besser zu nutzen und die Art und Weise zu verändern, wie den Opfern Gerechtigkeit widerfährt“. 

Mit Juni 2026 gab es in England und Wales 80.829 offene Gerichtsfälle, bei knapp einem Drittel (22.124) warten die Opfer seit mehr als einem Jahr darauf, gehört zu werden. 

KI-Assisten bei Gerichtsrecherche

Mithilfe von KI-Rechtsassistenten sollen zudem die Verfahren weiter beschleunigen werden, indem sie Mitarbeitern Verwaltungsarbeit abnehmen und Informationen so zusammentragen, dass Richter Urteile schneller fällen können.

Doch nicht alle sind von dem Konzept überzeugt. Eine Umfrage der Law Society ergab, dass 62 der befragten Anwälte, bereits Verzögerungen durch digitale Gerichtsportale erlebt haben. Laut dem Institute für Fiscal Studies komme es außerdem immer wieder zur Software Bugs; Beweise gingen verloren und erst vergangenen Mai kam es zu bei der Legal Aid Agency zu einem Cyber-Angriff, bei dem persönliche Daten offengelegt wurden. 

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Übervolle Gefängnisse

Schnellere Verurteilungen wären vor allem für die Opfer notwendig, doch gleichzeitig könnten sie den Druck auf die bereits übervollen Gefängnisse weiter erhöhen. Derzeit sind 97,5 Prozent aller Gefängniszellen belegt. Es gibt nur knapp 2.000 freie Zellen in England und Wales, ein Drittel weniger als noch im Juni.

Erst am Dienstag wurden 650 Insassen vorzeitig aus den Gefängnissen entlassen; rund 700 Häftlinge waren am 1. Oktober frühzeitig in die Freiheit geschickt worden. Es ist die zweite Tranche frühzeitiger Freilassungen, die vor drei Jahren beschlossen wurden und die Überbelegung lindern sollen.

Doch auch hier wird Kritik immer lauter. Diese Maßnahme, sagt Jess Davies, Vorsitzende der West Midlands Polizeivereinigung, setze die Polizei „in einer Zeit, in der sie sich ohnehin schon in einer Krise befindet, unter enormen Druck.“ Die Arbeitsmoral sei ohne bereits dramatisch. „Wir haben Mühe, Beamte zu halten. Und die Anforderungen, die an uns gestellt werden, nehmen immer weiter zu.“ 

Waschküchen zu Zellen

Die Regierung versprach Unterstützung: Umgerechnet rund 5,5 Millionen Euro sollen in die Errichtung neuer Gefängnisse gehen; zur kurzfristigen Abhilfe sollen Waschküchen und Umkleiden sollen zu Gefängniszellen umfunktioniert werden. Doch selbst diese Änderungen brauchen Zeit.

Unterdessen bleiben die vorzeitigen Entlassungen häufig von kurzer Wirkung. Die BBC sprach mit einem 38-jährigen Briten, der einen Tag nach seiner Freilassung beim Ladendiebstahl ertappt. Doch die Bedingungen im Gefängnis seien „schrecklich“, sagte er und ergänzte: „Menschen wir ich“ sollten nicht „lange Zeit“ im Gefängnis sitzen. 

Er ist kein Einzelfall. In Manchester wurde jeder sechste frühzeitig Entlassene nach wenigen Tagen wieder festgenommen.

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Source:: Kurier.at – Politik

      

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