Christine Nöstlinger: Von den Bösen und den Blöden

Kultur

Christine Nöstlinger wäre am 13. Oktober 90 Jahre alt geworden. Warum sich so viele Menschen mit solcher Leidenschaft an die 2018 verstorbene Schriftstellerin erinnern, hat nur am Rande mit Nostalgie zu tun. Viele Generationen hat sie mit ihren Kinderbüchern begleitet – von jenen, die in den Siebzigern mit „Die feuerrote Friederike“ aufwuchsen bis zu Kindern von heute, denen „Die Geschichten vom Franz“ vorgelesen werden. Doch Christine Nöstlinger ist weit mehr als eine Erinnerung an eine Zeit, in der Wiener Kinder noch nicht Bundesdeutsch sprachen und in der ansonsten genau gar nichts besser war –  „Iba de gaunz oaman Kinda“ schrieb die Nöstlinger 1974. Bis zuletzt war Nöstlinger einerseits messerscharfe Analystin der Zeit und der Welt, die sie umgab (sie wohnte bis zu Ihrem Tod beim Hannovermarkt im 20. Wiener Gemeindebezirk, keine Nobelgegend). Ihre Kommentare zur Lage vermisst man heute noch. Andererseits war sie eine fabelhafte Lyrikerin. Kurz, bevor sie starb, schrieb sie noch Dialektgedichte. Puristische, klarsichtige Lyrik über das Wien im ausgehenden Millennium, aber auch Allgemeingültigeres. Über das Altwerden, über die Liebe, über die Bösen und die Blöden. „Ned, dasi ned gean do warat“ hieß der Gedichtband, der 2019 im Residenzverlag veröffentlicht wurde.

Der Schauspieler und Songwriter Gerald Votava, den Nöstlinger 2016 im Zuge der Verfilmung ihrer  Kindheits-Erinnerungen „Maikäfer, flieg!“ kennengelernt hatte, vertonte die Gedichte und kreierte ein Liveprogramm unter dem Titel „ A schenes Lem!“. Nun hat er sich mit der Autorin Stefanie Sargnagel und der Musikerin Katarina Maria Trenk zusammengetan, um Nöstlinger erneut Reverenz zu erweisen. Im Wiener Rabenhof wird unter dem Titel „Nöstlinger – Eine Hommage“ gelesen und gesungen. Die Texte dazu stammen aus den Büchern „Iba de gaunz oamen Leit“, „Ein und Alles“ sowie aus dem erwähnten „Ned, dasi ned gean do warat.“

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Fabelhafter Überblick

Diese Zusammenstellung ist ein fabelhafter Überblick für Fans, ebenso wie für Menschen, die Nöstlingers Welt noch nicht gut kennen. Nöstlingers scharfer Witz, ihre Lust an der Anarchie, aber auch ihr dunkelgrauer Existenzialismus angesichts der hoffnungslosen gesellschaftlichen Realitäten werden hier gewürdigt. Angefangen bei dem Buben, der darüber nachdenkt, was er lieber wäre, als er selbst –  sogar als Goldfisch hätte er vermutlich ein besseres Leben („Wosimawinsch“). Von Märchen-Reality-Checks („Schneewittchen – eine Richtigstellung“) bis zu beklemmend-melancholischen Sprachgemälden aus dem Gemeindebau („Dunasdog um zwöfe“) und dem Befund über das Sein als solches: „Wos is schlimma? Bes oda bled? Wauni des wissen ded, warat i ned so danem in dem Scheislem.“ („I frog mi imma: Wos is schlimma“).

Katarina Maria Trenk, die vergleichsweise wenig vorkommt, beeindruckt sprachlich und stimmlich. Stefanie Sargnagel wirkt sympathisch und authentisch, allerdings ist sie nicht immer gut verständlich – sie ist Autorin und keine Schauspielerin. Das macht auch bei Dialektgedichten einen großen Unterschied. Gerald Votava beherrscht diese Sprache deutlich besser. Er ist ein überzeugender, trotz der dargebotenen Daseinsschwere stets warmherziger Überbringer von Nöstlingers Botschaften.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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