
Martin M. (61) ist seit seinem 15. Lebensjahr berufstätig. Vor mehr als einem Jahr verlor er seinen Job als Handelsangestellter. Nun sucht er seit mehr als einem Jahr eine Vollzeitstelle. Mindestens 100 Bewerbungen hat er schon per eMail abgeschickt. Die Reaktionen der angeschriebenen Betriebe waren immer dieselben: Entweder gar keine Antwort oder eine Absage, die meist mit der Floskel „wir müssen Ihnen leider mitteilen“ begann und dann standardisierte Sätze enthielt. (siehe beigefügte Fallbeispiele). „Dein Alter hat bei unserer Entscheidung keine Rolle gespielt“, lautete die Antwort auf eine Nachfrage, ob das Alter für die Aussortierung entscheidend war.
Ganz ähnliche Erfahrungen macht derzeit auch die 56-jährige IT-Trainerin Iris S. „In letzter Zeit kommen die Absagen entweder sofort oder gar nicht mehr“, erzählt sie nach bereits monatelanger Jobsuche schon etwas frustriert. Bei 20 Bewerbungen betrage die Antwortquote höchstens 30 Prozent. Einladungen zu Bewerbungsgesprächen gab es nach 50 Bewerbungen gar nur eine einzige. Was viele ältere Jobsuchende bestätigen: Die Bewerbungen werden immer häufiger automatisch aussortiert. KI-Tools haben in vielen Personalbüros die Vorsortierung übernommen und screenen jede noch so schöne Bewerbung präzise nach den Inhalten. „Da hab ich offenbar das falsche Geburtsdatum“, vermutet Iris S.
Einprogrammiert: Allen 50 absagen
„Es wird tatsächlich immer schwieriger, durch den Einsatz von KI“, bestätigt Helga Töpfl von der Linzer Personalberatung Seher+Partner. Oftmals sei das Alter der einzige Code, der zähle, und da heißt es dann „allen Bewerbern über 50 absagen“. Da nütze es auch nichts, die Altersangabe im Schreiben wegzulassen, weiß die Personalberaterin, denn der Lebenslauf verrät dieses indirekt ohnehin.
Die standardisierten Antworten sind darauf programmiert, diskriminierende Formulierungen zu vermeiden. Altersdiskriminierung ist im Bewerbungsprozess verboten und kann zu Schadenersatzforderungen führen. Durch die „Altersfilter“ würden sich die Betriebe selbst nichts Gutes tun und wertvolles Arbeitskräftepotenzial einfach liegen lassen, so Töpfl, die höher Qualifizierte und Führungskräfte bei der Jobsuche berät. „Wir merken, dass viele Betriebe die Altersgrenze von maximal 45 vor einigen Jahren auf 55 Jahre hinaufgesetzt haben“. Für über 60-Jährige sei es sehr schwierig, am besten seien die Jobchancen noch im Vertrieb, wo Erfahrung zähle.
Tipps der Personalexpertin
Ihre Empfehlungen: Den Lebenslauf gut aufbereiten und darin vor allem die wichtigsten Projekte und Erfolge herausstreichen. Wenn die ausgeschriebene Stelle unter dem Qualifikationsniveau liegt, immer gut begründen, warum man sich trotzdem dafür bewirbt. Wenn eine Absage kommt, obwohl die Stelle punktgenau gepasst hätte, sollte man sich nicht scheuen, im Personalbüro anzurufen, „irgendwo muss ja auch noch ein Mensch erreichbar sein“, so die Expertin. Im persönlichen Gespräch könnten Wissen und Kompetenz viel besser vermittelt und Absagen müssten fachlicher begründet werden. „Es zahlt sich aus, lästig zu bleiben.“
Schon jeder zweite langzeitarbeitslos
Die Altersarbeitslosigkeit steigt überdurchschnittlich stark. Ende September waren 65.000 über 55-Jährige beim AMS als arbeitslos gemeldet. Jede/r zweite davon sucht seit mehr als einem Jahr einen Job. Wegen der Angleichung des Pensionsantrittsalters stieg die Arbeitslosigkeit bei den 60- bis 64-jährigen Frauen im Vergleich zum Vorjahr gleich um 35,7 Prozent oder 2.236 Personen.
Seniorenbund-Obfrau: „Hinter jeder Zahl steht ein Mensch“
Beim Seniorenbund kennt man die Problematik. „Viele Menschen um die 60 wenden sich an mich und schildern mir ihre negativen Erfahrungen. Arbeitslosigkeit ist …read more
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



