
Am Tag nach dem Anschlag auf den Flydubai-Flug FZ 1037 und seiner geglückten Notlandung feierte Israel neue Helden. Ein Installateur, ein Zahnarzt und ein Bankdirektor überwältigten am Mittwoch mit bloßen Händen den Co-Piloten, der auf den sich heftig wehrenden indischen Chefpiloten einstach. Zusammen mit zwei zusätzlich mitgeflogenen Piloten verhinderten sie den Absturz der Maschine.
Eines hatten alle gemeinsam: Sie sind Familienväter und ihre Kinder waren an Bord. Im Glanz der noch blutverschmierten Retter sonnte sich dann auch Premier Benjamin Netanjahu. Rechtzeitig zur Nachrichtenzeit zeigte er sich am Abend zum Empfang: Keiner in Israel kann Wahlkampf so wie Netanjahu. Am Mittwoch strahlte er mit den Rettern um die Wette.
„Mr. Sicherheit“
Es war die Gelegenheit, sich wieder als „Mr. Sicherheit“ zu repräsentieren, als glühender Terrorbekämpfer. Geht es doch im laufenden Wahlkampf darum, die Wähler vergessen zu lassen, dass er am 7. Oktober 2023 Israels Steuerknüppel in Händen gehalten hat – als an einem Tag 1.200 Menschen in Israel von der islamistischen Hamas-Miliz aus dem Gazastreifen niedergemetzelt wurden.
Vor den Kameras aus aller Welt lobte Netanjahu „Tapferkeit und Wagemut“ der Retter.
Warnung vor Terror
Noch am Dienstag hatte eine Warnung des Premiers vor „drohenden Angriffen unserer Feinde“ Israels Öffentlichkeit alarmiert. Dabei steht Israel seit drei Kriegsjahren tagtäglich unter erhöhter Alarmbereitschaft. Weder Armee noch Geheimdienste wussten von einer Gefahrenlage, die über das Übliche hinausging.
„Der Premier nutzt Israels Daueralarm zu Wahlkampfzwecken aus“, kritisierte die Opposition. So kam das misslungene Attentat gerade richtig: Noch vor der Landung der Retter kam aus dem Umfeld Netanjahus eine Verlautbarung, die zwischen seiner unbestätigten Vorwarnung und dem Angriff einen direkten Zusammenhang aufzeigen sollte: „Premier Netanjahu sagte es schon gestern – die Opposition hat darüber nur gekichert. Heute haben wir gesehen, was passierte. Sie darf auf keinen Fall das Land führen.“
War Netanjahu schneller als seine Herausforderer?
Oder einfach vorschnell?
Am Sonntag zuvor war er noch auf Blitzbesuch in Dubai gewesen. Wurde er dort vorgewarnt? Wie angeblich vor dem Massaker-Angriff 7/10? Eine persönliche telefonische Warnung, die er laut Israels Medien 2023 nicht weitergeleitet haben soll. Hat Netanjahu erneut etwas vor einem Terrorangriff gewusst und niemanden informiert?
Terroranschläge haben immer ihren direkten Einfluss auf Israels Wahlen. Wie 1996, als Schimon Peres vor dem Herausforderer Benjamin Netanjahu noch deutlich geführt hatte. Bis es zu einer Serie von Selbstmordattentaten in Bussen und Einkaufszentren kam.
Politikwissenschaftler sprechen von einem „Valence-Effekt“. Nach einem Terroranschlag steigt in Israel die Zustimmung für rechte Parteien. Der Anstieg wurde sogar statistisch genau berechnet – um 1,35 Prozentpunkte.
Wahlentscheidend
In Israel kann ein Prozentpunkt der Wählerstimmen entscheidend sein. Die Parteienblöcke stehen sich seit Jahrzehnten als Rechts und Mitte/Links gleich stark gegenüber. Eine minimale Wählerverschiebung kann über Nacht alle Prognosen über den Haufen werfen. „Mit Peres schlafen gehen und mit Netanjahu aufwachen“, hieß es 1996 am Morgen nach der überraschenden Wahlnacht.
Nach dem Hamas-Massaker im Oktober vor drei Jahren schworen sogar eingefleischte Anhänger Netanjahus, ihn nicht noch einmal zu wählen. Im Oktober 2026 herrscht in den Umfragen wieder Patt. Gewählt wird am 27. Oktober.
Source:: Kurier.at – Politik



