
Auf wenigen Feldern hat die Herde der Kunsttheoretiker und Kunstschaffenden zuletzt so ausgiebig gegrast wie auf jenen, die das Verhältnis von Mensch und Tier zum Debattenstoff machten. Verstärktes Ökologiebewusstsein infolge der Klimakrise, eine Aufwertung nicht-westlicher Weltbilder durch die Aufarbeitung des Kolonialismus und die von den Weltereignissen stets neu gestellte Frage, ob der Mensch als Spezies wirklich so außergewöhnlich gescheit ist, haben Tieren Hochkonjunktur im kulturellen Diskurs beschert.
Eine Ausstellung, die sich heute auf dieses Themen-Terrain begibt, läuft also Gefahr, sich in einer Überfülle an Material zu verlieren – und zugleich Bekanntes wiederzukäuen. Beides vermeidet die Schau „tierisch menschlich“, die am Donnerstag im Wiener Dommuseum eröffnete, auf kluge Weise: Hier werden mit relativ wenigen Kunstwerken Denkanstöße geliefert, ohne die Diskurse dahinter übergroß auszuwalzen.
Biblisch verankert
Die katholische Verankerung der Institution kommt bei der Themenschau, die im Aufbau erneut einem von Direktorin Johanna Schwanberg etablierten Grundrezept folgt, in einer produktiven Weise zum Tragen: Gilt es doch, dem auf biblischem Fundament ruhenden Herrschaftsanspruch des Menschen über Tiere und Natur (Gen 1, 26-28) eine Sorgsamkeit gegenüberzustellen, die heute meist unter dem Stichwort „Schöpfungsverantwortung“ firmiert.
Gleichsam wimmelt es in der christlichen Bildgeschichte von Symboltieren. Eine Sektion der Schau aktualisiert die Gleichsetzung des geschundenen Christus mit Tieren – etwa mit dem Gemälde eines toten Fasans von Chaim Soutine (1926) oder dem Foto eines verwundeten Rehs von Gabriele Rothemann (1985).
Die Grenze zwischen Mensch und Tier wurde und wird freilich nicht nur im sakralen Bereich immer wieder durchbrochen. Schwanberg und ihre Co-Kuratorin Vanessa Joan Müller holten hier teils Kurioses aus verschiedenen Sammlungen – etwa das riesige Gemälde eines Jagdhundes aus dem Stift Klosterneuburg, das 1789 gemalt wurde und wohl ein verklausuliertes Porträt des Abts selbst gewesen sein muss. Kombiniert ist es mit einem Mops-Porträt von Norbertine Bresslern-Roth (1926) und dem Gemälde „Teddybär“ von Maria Lassnig, die ihre Empfindungswelt sehr oft mit Hilfe von Tieren visualisierte.
Geschickt kombiniert
Die pointierte Kombination quer über die Jahrhunderte, in einer neuartigen Stellwand-Architektur räumlich gut gefasst, geht auch anderswo auf: Etwa, wenn ein Bild der Fotoserie „Aus der Mappe der Hundigkeit“ (1968), bei der Künstlerin VALIE EXPORT ihren Partner Peter Weibel an einer Leine über den Stephansplatz führte, neben einem Biedermeiergemälde einer „Landschaft mit einem Paar zu Pferd“ (1844) zu hängen kommt: Ein Mann sitzt darin buchstäblich auf dem hohen Ross und scheint seiner Frau, die auf einem absurd kleinen Pferd neben ihm reitet, irgendetwas zu „mansplainen“.
Einmal mehr bewahrheitet sich: Wer über die Kräfteverhältnisse einer Gesellschaft Bescheid wissen will, tut gut daran, sich die Kunst der betreffenden Zeit anzusehen. Das exotische Federvieh, das dem Publikum im hinteren Teil der Schau begegnet, erzählt etwa von der Domestizierung und den Zoos, die in der Barockzeit entstanden. Die niederländische Familie van Rijckevorsel, deren Porträt (1766) als Leihgabe des Museum Rotterdam in der Schau hängt, rückte dazu ein besonders seltenes Statussymbol prominent ins Bild: ein Meerschweinchen.
Welches Bild wohl unsere Zeit abgeben wird, wenn wir sie dereinst durch die Linse des Verhältnisses zum Tier betrachten? Die Schau beschwört gegen Ende die Idee einer neuartigen Koexistenz, verbildlicht durch Skulpturen von Hybridwesen (Patricia Piccinini, Robert Gabris) …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



