Leistungsunterschiede an Schulen: „Selektion ist ein Kernproblem“

Politik

Die kürzlich veröffentlichte PISA-Studie belegt, dass die Leistungen in Lesen und Mathematik an Österreichs Schulen zurückgegangen sind. Zuwächse wurden hingegen in den Naturwissenschaften verzeichnet. Laut dem Bildungssoziologen Michael Holzmayer müsse man sich die Ergebnisse allerdings im Detail anschauen: Denn gerade hier zeige sich, dass es große Unterschiede zwischen privilegierten und benachteiligten Kindern gibt. 

Genau diese Chancengleichheit sei auch die größte Herausforderung im österreichischen Bildungssystem. Hierzulande hänge der Bildungserfolg stark von der sozioökonomischen Herkunft ab. „Schule kann man als konservativ bezeichnen. Sie konserviert die sozialen Unterschiede, statt sie auszugleichen“, sagt Holzmayer im Ö1-Morgenjournal.

So beträgt beispielsweise der Leistungsunterschied in den Naturwissenschaften fast 100 Punkte. Das entspricht laut Holzmeier etwa fünf Lernjahren. „Ein 15-jähriger benachteiligter Schüler steht dort, wo ein privilegierter 10-Jähriger steht“, erklärt Holzmayer. Für den Bildungssoziologen sei das kein Randproblem, sondern ein „strukturelles Desaster“.

Frühe Selektion als Kernproblem

Eine kürzlich veröffentlichte Langzeitstudie des Instituts für Höhere Studien (IHS) belegt die Problematik, dass sich soziale Ungleichheiten im Bildungssystem früh verfestigen und im Laufe der Schulkarriere immer weiter vergrößern. Für die Studie wurden Daten der Statistik Austria zu Schule, Hochschule, Arbeitsmarkt, Migration, sozialem Hintergrund und Wohnort verknüpft. Auf dieser Grundlage wurden die Bildungswege einer gesamten Schülergeneration mit Eintrittsjahr 2004/05 und damit von 85.535 jungen Menschen in Österreich über 17 Jahre – vom sechsten bis zum 23. Lebensjahr – nachgezeichnet.

Eine große Kluft zeige sich bereits in der Volksschule: Während 65 Prozent der Akademikerkinder später eine AHS-Unterstufe besuchen, sind es nur elf Prozent der Kinder von Pflichtschulabsolventen. „Die frühe Selektion ist einfach ein Grundkernproblem, das aufgelöst werden sollte“, sagt Michael Holzmayer. Der Bildungssoziologe spricht sich für eine längere gemeinsame Schulzeit beziehungsweise eine Gesamtschule und eine spätere Selektion aus.

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Eine Verlängerung der Volksschule von vier auf sechs Jahre sei zwar überfällig, durch die freiwilligen Modellregionen aber zu vorsichtig. „Wer schon privilegiert ist, nutzt neue Angebote zuerst und die Freiwilligkeit reproduziert eigentlich die Ungleichheit“, erklärt Holzmayer.

Unterschiede in der Bildungslaufbahn zeigen sich laut den Daten der IHS-Studie auch beim Migrationshintergrund: Während mit 16 Jahren mehr als die Hälfte (54 Prozent) der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund eine Schule besuchte, die mit der Matura abschließt, waren es bei jenen mit Migrationshintergrund in der ersten Generation 39 Prozent.

Lesekompetenz und Sprachförderung

Die Lesekompetenz von Kindern und Jugendlichen nimmt laut der PISA-Studie weiter ab. Neben veränderten Mediengewohnheiten spielen dabei auch soziale Faktoren und mangelnde Deutschkenntnisse eine Rolle. Soziologe Holzmayer betont jedoch, dass sprachliche Schwierigkeiten nicht ausschließlich ein Sprachproblem seien, sondern eng mit der sozialen Herkunft zusammenhängen. 

Werden die sozialen Unterschiede berücksichtigt, verringert sich der sprachbezogene Leistungsunterschied deutlich, sagt er. Daher könne reine Sprachförderung das grundlegende Problem sozialer Ungleichheit nicht lösen.

Auch die verpflichtende Sommerschule sieht Holzmayer kritisch. „Wer in prekären Arbeitsverhältnissen steckt, keine Betreuung für die Geschwister hat, vielleicht auch schlicht nicht genug über das Programm informiert ist, der wird von einer Strafe nicht plötzlich handlungsfähiger“, sagt der Bildungsexperte. Sanktionen könnten diese Familien daher zusätzlich belasten, anstatt die bestehenden Probleme zu lösen.

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Source:: Kurier.at – Politik

      

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