Heimito von Doderer: „Stachlig und sensitiv zugleich – ein austriakischer Kaktus“

Kultur

Der Schriftsteller und Literaturwissenschafter Michael Maar hat sich in seinen Büchern immer wieder mit Heimito von Doderer auseinandergesetzt. Der in Berlin lebende Germanist war in Wien öfter auf den Spuren des Schriftstellers unterwegs, unter anderem bei dessen Gedenkstätte im Bezirksmuseum Alsergrund. „Ich konnte die Pläne betrachten, auf denen Doderer mit farbigen Buntstiften seine Romankonstruktionen entwarf. An die er sich dann bekanntlich am Ende doch nie hielt.“

Maars Doderer-Einstieg begann, wie bei vielen Lesern, mit der „Strudlhofstiege“. „Und was entdeckte ich? Die Romane eines kakanischen Proust. Wie Proust erratisch aus der Zeit und den Modeströmungen ragend. Barock und von unerhörter erzählerischer Verve. Überschäumend von schwarzem Witz und sublimster Psychologie. Einerseits stachlig, er nannte sich ja selbst einen austriakischen Kaktus. Andererseits höchst sensitiv. Einzigartig. Damit war ich für ihn gewonnen“, erzählt Maar, der beim Doderer-Symposium in Wien am 19. September über Doderer und Thomas Mann sprechen wird.

Einfach nur staunen

In seinem Buch „Die Schlange im Wolfspelz“ bezeichnet Maar Doderer als „Zen-Meister der Erzählkunst“, der fast „jedes Gesetz der Erzählkunst“ breche. Und sie trotzdem beherrsche. „Was ich meine ist, dass man ihm hunderte Regelverstöße nachweisen könnte. Und dass sie nicht das Geringste am Rang ändern. Für große Autoren sind Regeln wie Katzen, mit denen man spielt und die man auch wieder von der Schulter schubsen kann. Auf der Ebene des rein Sprachlichen: Bei Doderer gibt es Sätze, über die man einfach nur staunen muss. Sie folgen keinem erkennbaren und darum nachzuahmenden Prinzip. Sie drücken sehr spezielle Gedanken auf die offenbar einzig mögliche Weise aus.“ Eines, sagt Maar, sei bei Doderer immer völlig ausgeschlossen – die Nähe zum Kunstgewerbe oder zur bloßen Rhetorik.

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Bei Thomas Mann sei das nicht immer der Fall. Doderer sei jedoch einer der wenigen deutschsprachigen Autoren, der stilistisch auf gleichem Rang wie Thomas Mann stehe. Was der eine über den anderen dachte?

„Thomas Mann nahm Doderer nicht mehr zur Kenntnis; umgekehrt durchaus. 1926 äußert Doderer sich im Tagebuch ausführlich über den ,Zauberberg‘. Sein Urteil ist ambivalent. Einerseits wirke seine Technik auf den ersten 200 Seiten noch wie ein Brechmittel, andererseits gönnte er ihm den Nobelpreis dann doch. Es klingt so etwas wie ein kleines Vaterproblem durch. Einmal trat er sogar in direkte Konkurrenz zu ihm. Im ,Zauberberg‘ gibt es ein berühmtes Kapitel, das an einem Wasserfall spielt. Und auch in Doderers ,Wasserfällen von Slunj’ gipfelt die Handlung im Getöse des titelstiftenden Wasserfalls. In beiden Szenen ist der Ausflug der Höhe- und Wendepunkt mit tödlichen Folgen.“

In seinem Buch „Die Schlange im Wolfspelz“ hat Maar die beiden Passagen ausführlich miteinander verglichen und gegeneinander abgewogen. „Man weiß nicht, welche die genialere ist.“

Eine Blutspur

Weitere Gemeinsamkeiten ortet Maar in den wiederkehrenden Schuldmotiven. Durch Thomas Manns Gesamtwerk schlängle sich eine „Blutspur“: „Mann hat ja nie einen Zweifel daran gelassen, dass er nur von sich schreibe und sein Werk ein verzweifeltes Ringen um ,Rechtfertigung und Buße‘ gewesen sei. Man büßt ja weniger für Gedankenspiele als für handfeste Taten. Eine solche mag allen Indizien und philologischen Spuren nach im November 1896 in Neapel vorgefallen sein. Eine Tat offenbar blutigen Charakters, über die …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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