
Jordan Bardella ist ein Politik- und Medienprofi, gestählt durch etliche Stunden Kommunikationstraining und viele Interviews. Und doch kann oder will der Chef des französischen Rassemblement National (RN) seine Gefühle nicht immer überspielen. Als er Marine Le Pen am 8. Juli, einen Tag nach dem Berufungsurteil gegen sie, bei ihrem ersten Wahlkampfauftritt begleitete, setzte der 30-Jährige eine genervte Miene auf. Er sprach wenig, gab sich verschlossen.
Am Vorabend hatte die Rechtspopulistin angekündigt, dass sie bei der Präsidentschaftswahl im Frühjahr 2027 kandidiere. Die Richter hatten ihr grundsätzlich den Weg dafür frei gemacht, obwohl sie sie wegen der massiven Veruntreuung von EU-Geldern schuldig sprachen. Le Pen erhielt auch eine Haftstrafe, abzusitzen im Hausarrest mit elektronischer Fußfessel, welche sie vielleicht noch im Wahlkampf angelegt bekommt. Und trotzdem verzichtete sie nicht auf ihre Kandidatur.
Plötzlich wieder Nummer zwei
Das war eine Überraschung für alle – nicht zuletzt für Bardella, der bis dahin als vielversprechender Bewerber gegolten hatte. Plötzlich musste er sich wieder als Nummer zwei hinter seiner Mentorin einreihen. Wie wenig ihm das gefiel, zeigte er deutlich, auch wenn er zugleich versicherte, Le Pen und er seien ein perfekt eingespieltes Tandem, das gemeinsam für den Sieg der Rechtsextremen kämpfe. Sollte das gelingen, werde er ihr Premierminister. Eine undankbare Aufgabe, denn als Präsidentin könnte sie ihn jederzeit feuern.
Seit jenem 8. Juli gab es keinen gemeinsamen Auftritt der beiden mehr, stattdessen aber mehrere Artikel in der französischen Presse über die wachsende Kluft zwischen ihnen. Vor wenigen Tagen soll er entrüstet eine Besprechung verlassen haben, bei der Le Pen einen wichtigeren Platz für ihre Nichte Marion Maréchal, Vertreterin einer radikalen, identitären Linie, angekündigt hatte. „Sie oder ich!“, soll Bardella gerufen haben. Doch Le Pen fördert aktiv Familienmitglieder und langjährige Getreue, während seine Leute zurückgestellt werden.
Für Aufsehen sorgte die Kündigung seines Wirtschaftsberaters François Duryve, der eine Brücke zur Wirtschaftselite des Landes bilden sollte. Nach dem Urteil gegen Le Pen soll er Bardella dazu aufgefordert haben, seine eigene Kandidatur anzukündigen und ihre Entscheidung nicht abzuwarten. Ihr kam dies zu Ohren und Duryves Tage innerhalb der Partei waren gezählt.
Mehr und mehr Brüche
Bislang gab es eine Art Aufteilung: Mit einer sozialen Linie sprach sie die unteren Wählerschichten an, während er sich mit einem liberaleren Kurs an das Bürgertum und die Wirtschaftskreise richtete. Doch im Wahlkampf braucht es programmatische Klarheit und hier hat sich die 58-Jährige durchgesetzt: Sie bleibt bei ihrer Forderung der Rente ab 62 Jahren, deren Machbarkeit Bardella angezweifelt hatte. Er stand für die Annäherung an die Bürgerlich-Konservativen, die sie ablehnt. Gerade kündigte sie im Fall eines Wahlsiegs ein Verbot des Schleiers im öffentlichen Raum an, das er nicht unterstützt.
Mehr und mehr werden die Brüche zwischen der heimlichen Parteichefin und ihrem Zögling sichtbar. Ihren Anhängern gefiel nicht, dass er sie in den Umfragen überflügelte. Er ist ein Star auf TikTok, seine Bücher wurden zu Bestsellern. Auch Bardellas Liebesbeziehung mit der italienischen Prinzessin Maria Carolina von Bourbon-Sizilien sorgte bei einigen für Irritationen: Die Positionierung als „Vertreter des Volkes“ passte wenig zu den mondänen Auftritten an der Seite der schwerreichen Aristokratin und Luxus-Influencerin.
Ganz neu sind Macht- …read more
Source:: Kurier.at – Politik



