
Er scheint aus der Zeit gefallen. Aber war Heimito von Doderer jemals in der Zeit?
Der Wiener Schriftsteller Heimito von Doderer steht zweifellos in der ersten Reihe der deutschsprachigen Literataten des 20. Jahrhunderts. Doch die Anerkennung kam spät. Doderer wurde erst in den letzten Jahren seines Lebens wirklich berühmt. Davor lagen zwei Weltkriege, russische Gefangenschaft, materielle Unsicherheit. Er stammte ursprünglich aus dem Großbürgertum, die Familie verlor ihr Vermögen, Doderer konnte lange nicht vom Schreiben allein leben. Erst 1951 gelang ihm mit dem Mammutroman „Die Strudlhofstiege“ der Durchbruch. Ein ausschweifendes Großstadtgemälde, sprachlich beinahe barock im Vergleich etwa zu Alfred Döblins berühmtem Großstadtroman „Berlin Alexanderplatz“, der 22 Jahre zuvor erschienen war und mit seinen expressionistischen Techniken eine auf den ersten Blick umso vieles modernere Anmutung hatte.
Was mit Mary K. geschah
Heimito von Doderers penibel gewebte, genau beobachtete Epochenromane hingegen lassen sich nicht einordnen. Was außer Zweifel steht: „Die Strudlhofstiege“, „Die Dämonen“ und „Die Wasserfälle von Slunj“ sind durch und durch Wien-Romane. Historisch, sprachlich (nicht zuletzt durch ihren abgründigen Witz), und allein schon durch ihre Schauplätze, viele davon am Alsergrund zu finden.
Da ist die Strudlhofstiege selbst, diese beeindruckende Jugendstiltreppe, die über der Liechtensteinstraße thront; da ist, weiter stadtauswärts, die Gedenktafel, die an das „Haus zum blauen Einhorn“ erinnert, ein zentraler Handlungsort des Romans; und da ist der ehemalige Althanplatz, heute Julius-Tandler-Platz, wo eine Schlüsselszene der „Strudlhofstiege“ spielt: Hier wird Mary K. ihr Bein unter einer Straßenbahn verlieren. Ein Ereignis, um das sich folglich die gesamten 900 Seiten des Romans drehen werden.
Keine Verklärung
„Doderer war kein Traditionalist und auch kein Konservativer im Sinne einer verklärenden Rückschau. Er überzieht Wien nicht mit nostalgischem Goldglanz. Zugleich ist er aber auch nicht der klassische Kritiker der anonymen, entfremdeten Großstadt, wie es etwa Döblin war“, erklärt Martin Maxl, Vorstandsmitglied der Österreichischen Doderer-Gesellschaft, die Faszination, die der 1966 verstorbene Schriftsteller auf ihn ausübt.
Germanisten wie Michael Maar vergleichen Doderers Sprachmacht mit jener eines Thomas Mann. Und doch wird Doderer von jungen Lesern heute, so hat es den Anschein, wenig wahrgenommen. In einer Zeit, in der der Autor als Mensch immer mehr in den Vordergrund rückt, ist die zweifellos schwierige persönliche Geschichte des 1896 geborenen Wieners nicht dazu angetan, dies zu ändern. Über Doderer liege heute eine erhebliche Schicht aus Staub, Vergessen und Vorurteilen, sagt Martin Maxl. Doderer gelte als langatmig, schwierig, politisch belastet – er war NSDAP-Mitglied, distanzierte sich später davon.
Gerade diese Spannung zwischen problematischer Biografie und großer Literatur sei es jedoch, die Doderer für die Gegenwart interessant mache, meint Maxl. „Doderer war gewiss nicht durchgehend ein sympathischer Zeitgenosse. Aber auf der Textebene ist er ein Ereignis. Man muss Doderer nicht heiligsprechen, um ihn wieder zu lesen.“
Neu Entdecken
Das von Maxl und der Doderer-Gesellschaft initiierte, hochkarätig besetzte Doderer-Symposium im Wien Museum am kommenden Samstag will dazu einladen, den Wiener Schriftsteller wiederzuentdecken. Schriftsteller und Germanisten wie Martin Mosebach („Was davor geschah“) und Michael Maar („Die Schlange im Wolfspelz“) werden unter anderem über Doderers Sprache und seinen Stellenwert in der Literatur sprechen.
Der Moment, Doderer wiederzuentdecken, sei günstig, so Maxl. Die Gegenwartsliteratur sei schließlich vielfach von Innenschau …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



