
Die drei noch ausstehenden Prüfungen, die Luka für seinen Bachelortitel in Managementwissenschaften noch bestehen muss, hat er auf nächstes Jahr verschoben. Das, sagt Luka zum KURIER, 23 Jahre alt, dunkle Haare und trotz wenig Schlaf hochmotiviert, das sei wichtiger.
Die Rede ist von den vorgezogenen Parlamentswahlen am 25. Oktober. Geht es nach dem autoritär regierenden Nationalisten und Ex-Präsidenten Aleksandar Vučić, der seit 12 Jahren die serbische Politik prägt, soll er vom Präsidenten- ins Premierministeramt wechseln, um die Macht zu behalten. Eine breite, heterogene Studentenbewegung, die sich nach dem Einsturz des Bahnhofsdaches in Novi Sad mit 16 Toten vor zwei Jahren geformt hatte, will das verhindern. Längst hat sich der Protest, der ursprünglich die Klärung der Schuldfrage für das Unglück verlangte, in die größte regierungskritische Bewegung verwandelt, die Serbien in den letzten Jahrzehnten gesehen hat: Bei der größten Demo im Frühling waren über 350.000 Menschen auf den Straßen in Belgrad.
Ihre Chancen sehen politische Beobachter trotz des Machtapparats der Regierung gar nicht so schlecht: Laut CRTA, einer zivilgesellschaftlichen Organisation, die für demokratische Verhältnisse eintritt, unterstützen mehr als 80 Prozent der Bevölkerung die Anliegen der Studierenden – Rechtsstaatlichkeit, ein Ende der Korruption und Willkür der Justiz.
Die Bewegung kandidiert als Liste Studenti auf Listenplatz drei, bekannte Unterstützer wie den Belgrader Uni-Rektor Vladan Đokić, ein offener Gegner Vučićs, hat man bewusst nicht aufgestellt, nachdem Regierung und Medien teils rigorose Vorwürfe gegen ihn erhoben haben und sein Büro durchsucht wurde. Stattdessen steht nun der Kardiologe und Medizinprofessor Ilija Srdanović auf Listenplatz eins, bis vor Kurzem ein Unbekannter in der Politik, der sogleich vom Boulevard als montenegrinischer Nationalist dargestellt wurde – mit KI-generierten Bilder.
250 Professoren, Lehrer, Ärzte, Ingenieure, Juristen und Arbeiter hat man aufgestellt. „Wir haben die fähigsten, bestausgebildeten Bewohner unseres Landes aufgestellt“, sagt Luka, er ist Mitglied des Organisationsteams der Liste. Und betont gleichzeitig: Listenplatz eins bedeute keineswegs, dass Srdanović jetzt das Gesicht der Bewegung sei.
Links, recht, nationalistisch
„Erst hatten wir Slobodan Milošević, dann Boris Tadić, dann Vučić. Sie alle waren in irgendeiner Form korrupt und haben ihrer eigenen Bevölkerung geschadet. Eine Demokratie braucht keinen Anführer, sondern ein funktionierendes System, das sich aus fähigen Menschen zusammensetzt“, erklärt Luka die Bewegung. Die Studierenden organisieren sich basisdemokratisch, Entscheidungen werden in Plena getroffen, heute antwortet Luka auf Medienanfrage, morgen ist es wer anderer. Auch von ihnen soll sich keiner als Zugpferd etablieren.
Nur zu wenigen Themen hat sich die Bewegung konkret positioniert, man verzichtet bewusst auf Positionierungen, die spalten oder der Regierung eine Angriffsfläche bieten würden – einziger eindeutiger außenpolitischer Standpunkt ist, dass der Kosovo ein Teil Serbiens sei. EU–Flaggen sieht man bei den Protesten keine, dafür die serbische Nationalfahne. „Seid ihr für Serbien oder die Mafia?“, so ein Slogan der Studierenden. Damit bietet die Bewegung auch der serbischen Bevölkerung im Kosovo, sie gehört zu den loyalsten Wählern Vučićs, eine Alternative zur Regierungspartei.
Milorad Ivanović, Chefredakteur vom regionalen Journalistennetzwerk BIRN Serbien, nennt es bei einem Pressegespräch in Wien eine „Fang sie alle“-Strategie: „Sie sagen: ,Lasst uns erst die Wahlen gewinnen, danach sprechen wir darüber.“ Das funktioniert offenbar.
Einschüchterung und Medienkontrolle
Es wird eine Wahl zwischen …read more
Source:: Kurier.at – Politik



