
Eine Wand ist nie nur Fläche. Sie reflektiert Licht, rahmt Möbel und prägt die Stimmung eines Raumes, weiß Johann Glanz jun., seit 40 Jahren Tapezierer und Dekorateur im Bezirk Neusiedl. „Heute sind Tapeten wieder angesagt.“ Florale Muster, grafische Strukturen, textile Oberflächen: „Die Auswahl ist groß, der Effekt enorm.“ Doch damit aus dem Projekt kein Ärgernis wird, ist eines entscheidend: die richtige Vorbereitung.
„Keine Tapete der Welt kaschiert dauerhaft Risse oder unebene Stellen“, erklärt Glanz. „Alte Beläge müssen restlos entfernt werden, lose Farbe ebenso.“ Daher werden Unebenheiten gespachtelt und nach dem Trocknen glatt geschliffen. „Staubreste sind zu entfernen, da sie die Haftung beeinträchtigen können“, so der Profi. Wichtig sei auch eine gleichmäßig saugende Wand: „Flächen wie Gipskarton oder frischer Putz benötigen eine Grundierung, damit der Kleister später nicht zu schnell einzieht.“
Nur auf einem ruhigen, sauberen Untergrund kann die Tapete ihre Wirkung entfalten. Papiertapeten sind klassisch, preiswert, aber anspruchsvoller in der Verarbeitung. Der Experte: „Zusätzlich zur Wand müssen auch sie gut eingekleistert werden.“ Vliestapeten sind komfortabler: „Der Kleister kommt entweder direkt auf die Wand oder auf die Bahnen, die sich dann leichter als Papiertapeten korrigieren lassen.“ Vinyltapeten punkten mit Robustheit und Pflegeleichtigkeit, eignen sich gut für Küche (abwischbar) oder Vorraum. „Textil- und Naturtapeten verlangen Erfahrung“, sie verzeihen wenig, belohnen aber mit Tiefe und Charakter.“
Jetzt geht’s um Maßarbeit
Vor dem Kleistern wird gemessen. Die Bahnen werden zugeschnitten, Rapportmuster berücksichtigt, die erste Bahn exakt ausgerichtet.
„Sie gibt den Takt vor, jede Abweichung überträgt sich auf die gesamte Wand“, weiß Glanz. „Bevor die erste Bahn angesetzt wird, wird mithilfe einer Wasserwaage eine senkrechte Referenzlinie auf die Wand gezeichnet.“ Dieser Basisstrich liegt idealerweise eine Bahnenbreite minus ein bis zwei Zentimeter vom Startpunkt entfernt, häufig nahe einer Ecke oder neben Tür- bzw. Fensteröffnungen. „Er dient als Orientierung für die erste Bahn und gleicht aus, dass Wände selten vollkommen gerade sind.“
Danach wird von oben nach unten gearbeitet, von der Lichtquelle weg. Die Tapete wird angesetzt, sanft angedrückt und mit Bürste (Papiertapeten), Tapezierspachtel bzw. Andrückwalze (Vlies- und Vinyltapeten) sowie Nahtroller (für Stoßkanten) blasenfrei geglättet. „Überstände an Decke und Boden werden erst nach kurzem Anziehen mit einem scharfen Cutter geschnitten.“ Wichtig: Tapeten immer Bahn für Bahn Stoß an Stoß kleben, nicht überlappend.
Kleister macht den Meister
Der Kleister selbst ist mehr als Nebensache. „Er muss zur Tapete passen und korrekt angerührt werden“, so Glanz, „also klumpenfrei, ausreichend quellen lassen, nicht zu dünn“. Zu viel Feuchtigkeit lässt Nähte aufgehen, zu wenig Kleber mindert die Haftung. „Besonders bei Papiertapeten ist die Einweichzeit entscheidend, sie muss für jede Bahn gleich sein, sonst gibt es Spannungen.“
Bei Innen- und Außenecken gilt: „Die Tapete bis zur Kante führen, dort sauber abschneiden und die nächste Bahn neu ansetzen, wieder exakt senkrecht ausgerichtet.“
Tapeten über Ecken zu ziehen führe fast immer zu Spannungen, schiefen Verläufen oder späteren Ablösungen, weiß Glanz. Bei Steckdosen und Schaltern wird Strom abgedreht, Abdeckung entfernt und die Tapete kreuzförmig eingeschnitten. „So lässt sie sich spannungsfrei anlegen und gut bis zum Rand führen.“
Nach dem Tapezieren nichts erzwingen: Zugluft, starkes Heizen oder offene Fenster sind tabu. Glanz: „Die Tapete soll langsam trocknen, …read more
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



