
Manchen fällt in der Regel erst im Mai auf, dass ja wieder Song Contest ist. Sie hingegen beschäftigen sich das ganze Jahr über mit dem ESC: Marco Schreuder und Alkis Vlassakakis betreiben seit 2019 den Podcast „Merci, Chérie“ und beleuchten darin den größten Musikwettbewerb der Welt von allen Seiten. „Man kann über Geschichte, Geopolitik und gesellschaftsrelevante Fragen sprechen, aber auch über Kostüme, Bühnendesign oder öffentlich-rechtliche Aufträge. Es gibt eine breite Palette an Themen und das ist schön“, erzählt Schreuder im KURIER-Gespräch.
Dass der Podcast nach dem Siegertitel von Udo Jürgens aus dem Jahr 1966 benannt werden würde, sei von Anfang an klar gewesen – „weil wie soll er sonst heißen, wenn er aus Wien kommt?“, schmunzelt Schreuder. Schnell war auch Vlassakakis mit an Bord. „Ich bin niederländischer Österreicher, er ist griechischer Deutscher in Wien. Zwei Personen, fünf Länder – mehr Eurovision geht nicht“, findet Schreuder.
Aktuell ist im Qwien im 5. Bezirk die Ausstellung „United by Queerness“ zu sehen, die von den beiden kuratiert wurde.
KURIER: Für die meisten ist der Song Contest ja einmal im Jahr – im Podcast „Merci, Chérie“ ist die Musikshow das ganze Jahr über Thema. Wie findet man da immer etwas Neues zu besprechen?
Marco Schreuder: Unsere HörerInnenschaft besteht natürlich aus Nerds. Es ist kein Podcast für Leute, die wie bei der Fußball-WM ab dem Halbfinale einschalten und dann eine Woche später fragen: Wer ist denn Weltmeister geworden? Aber Podcast ist ja meistens ein LiebhaberInnen-Medium. Und dadurch können wir in die Tiefe gehen. In einer meiner Lieblingsepisoden hatten wir zum Beispiel den Politikwissenschaftler Gerhard Mangott zu Gast, der den Eurovision Song Contest sehr gerne mag. Und er hat anhand des ESC die gesamte postsowjetische Geschichte der 90er und 2000er erzählt.
Alkis Vlassakakis: Wir gehen zum Beispiel auch der Frage nach, was aus jenen geworden ist, die in den ersten Song-Contest-Jahren angetreten sind. Zum Beispiel Carmela Corren, die erste Israelin beim Song Contest, die für Österreich gestartet ist (1963, Anm.). Marco war in den USA und hat sie interviewt. Sie konnte selbst nicht schlüssig erklären, warum sie vom ORF zum ESC geschickt worden ist. Aber es war wahnsinnig interessant, zu erfahren, wie ihr Lebensalltag als Schlagersängerin in den frühen 60ern ausgesehen hat.
Schreuder: Das Interview war kurz vor ihrem Tod. Sie hat dann erzählt, dass sie ein Techtelmechtel mit Thomas Hörbiger hatte, der “Merci, Chérie” geschrieben hat, und dass sie die Untermieterin von Udo Jürgens in München war. Das sind natürlich super Geschichten.
Also gehen Ihnen die Themen nicht so schnell aus?
Schreuder: Das ist das Schöne am Eurovision Song Contest ist: Man kann über Geschichte, Geopolitik, gesellschaftspolitische Fragen, Gender, Queerness, Migration, Flucht, Hautfarben, Menschen mit Behinderung sprechen, aber auch über Kostüme, Bühnendesign, Fernsehen als Medium, öffentlich-rechtliche Aufträge … Es gibt eine breite Palette an Themen.
Vlassakakis: Der Song Contest als Spiegel der Gesellschaft. Hier werden verschiedene Lebensentwürfe auf der Bühne gezeigt, verschiedene Möglichkeiten, wie Musik klingen kann. Musik ist ein Element des Song Contests, die Präsentation das andere und wenn das Gesamtergebnis stimmt, dann haben wir diesen perfekten Fernsehmoment, der die ZuschauerInnen dazu bringt, anzurufen.
Wie ist denn Ihre Song-Contest-Faszination …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



