
Es gibt wohl akademischere Themen als den Eurovision Song Contest. Dean Vuletic sieht das anders. Er beforscht die Geschichte des Singwettbewerbs und vor allem seine politischen Zusammenhänge seit einigen Jahren.
KURIER: Sie sagen, dass der Song Contest, der sich immer unpolitisch geben will, von Anfang an politisch war. Warum?
Dean Vuletic: Wir müssen zurück ins Jahr 1956, um das zu verstehen. Denn in diesem Jahr durfte jedes Land – es waren nur sieben – zwei Künstler schicken. Westdeutschland wurde zum einen von Walter Andreas Schwarz vertreten, der Jude und Holocaust-Überlebender war. Und zum anderen von Freddy Quinn, der ein Lied gesungen hat, das Rock’n’Roll-Einflüsse hatte und die Botschaft sendete, Westdeutschland ist pro-amerikanisch und pro-westlich.
Können Sie einen kleinen Abriss geben, in welchen Jahren der Song Contest am politischsten war?
Ein paar Beispiele: Der nächste Wendepunkt kam 1961, als mit Spanien, Portugal und Jugoslawien Länder unter autoritären Regimen einstiegen. 1974 erinnert sich jeder nur daran, dass ABBA mit Waterloo gewonnen hat, aber das Jahr war voll von politischen Botschaften: Das italienische Lied war in der Heimat zensiert, weil es als Einmischung in ein Referendum über Scheidungsrecht gesehen wurde. Der portugiesische Beitrag sollte später als Signal für den Start der Nelkenrevolution verwendet werden. Im jugoslawischen Beitrag fanden sich viele kommunistische Motive – kurz, nachdem liberale Kräfte in der kommunistischen Partei unterdrückt worden waren. Der niederländische Song bezog sich auf Drogenmissbrauch – das Land diskutierte da schon über die Drogen-Liberalisierung. Der Song Contest 1990 nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist voller Messages zum Thema geeintes Europa. In den 2000ern sahen wir eine Reihe Shows von Gastgebern, die sich für einen Beitritt zur EU präsentiert haben, wie Estland und Lettland. 2021 wurde Belarus ausgeschlossen: Das war das erste Mal, dass die EBU eine politische Aktion gegen eins ihrer Mitglieder gesetzt hat. 2022 folgte Russland.
Viele, die fordern, die EBU sollte auch Israel ausschließen, beziehen sich auf diese „Präzendenzfälle“…
Der Unterschied ist, dass es gegen Russland internationale Sanktionen gab. Die musste die EBU mittragen. Solche gibt es gegen Israel nicht. Die Menschen, die das fordern, verstehen nicht, dass die EBU keine politische Macht hat. Sie ist keine politische Organisation. Der ESC ist insofern unpolitisch, weil die European Broadcasting Union unpolitisch ist. Aber das, was beim Song Contest passiert, reflektiert die Zusammenhänge internationaler Politik.
Die EBU könnte es sich leicht machen und sagen, Länder, die in Kriege verwickelt sind, können nicht teilnehmen.
Tatsächlich habe ich in den Archiven der EBU gefunden, dass das eine Überlegung war, als Israel 1973 erstmals angetreten ist. Denn das war in Luxemburg, es mussten massive Sicherheitsvorkehrungen für die israelische Delegation getroffen werden, was für Luxemburg, eins der kleinsten Länder der EBU, eine große Herausforderung war. Also gab es damals Überlegungen, Länder, die sich in einem Krieg befinden, auszuschließen. Aber das ist nie passiert. Denn dann stellt sich sofort die Fragen: Was ist mit Ländern, die Opfer von Aggression wurden? Da wird es dann kompliziert.
Eigentlich verbietet die EBU ja Politisches in den Beiträgen …
Bei meinen Recherchen habe ich mir alle Beiträge der ESC-Geschichte angehört, ich habe die Lieder analysiert, …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



