
Vielleicht ist hier wirklich eine große, eine letzte Chance versäumt worden.
Vielleicht sitzen wir in ein paar Jahren in der postdemokratischen digitalen Diktatur und denken uns: Ach, hätte doch jemand damals, bei den Wiener Festwochen 2026, aus dem Publikum heraus Peter Thiel eine wirklich, echt kritische Frage zu seinem Weltbild gestellt.
Vielleicht wäre dann das demokratiefeindliche, die Armen verachtende, von Science-Fiction auf die allerfalscheste Weise geprägte Menschenbild der Silicon-Valley-Rechtsmilliardäre entzaubert worden. Und die Demokratie vor diesen immens mächtigen Menschenverächtern gerettet worden.
Nun ja, diese Chance haben wir also liegen lassen. Milo Rau, der Festwochen-Chef, hat die Diskussionsveranstaltung mit Thiel nämlich abgesagt. Und dabei zugleich jenes Demokratie-Theater, mit dem er das Kulturfestival bis zur Unkenntlichkeit durchwirkt hatte, zu den Akten gelegt.
Denn der Fantasie-„Rat der Republik“ und die Fantasie-„Debatte der Republik“ hatten sich eigentlich für die Abhaltung der Diskussion mit Thiel über den Antichristen ausgesprochen. Aber, das passt auch schön zum Weltbild der neuen Tech-Machthaber, Demokratie ist (selbst wenn sie gespielt wird) nur so lange bequem, wie sie die Meinung der Mächtigen abbildet. Und das ist diesfalls Rau selbst gewesen: Er geriet wegen der Einladung so unter Druck – selbst die Kulturstadträtin kündigte ihm in diesem Fall das Verständnis auf –, dass er und Geschäftsführerin Artemis Vakianis die Reißleine zogen. Beschluss her, Demokratie hin.
Sicherstes Terrain
Stellt sich die Frage, was nun überbleibt von der Demokratiegeste, die Rau mit seiner „Freien Republik Wien“ setzte, wenn sie bei scharfem Gegenwind sofort über den Haufen geworfen wird.
Eines, das überbleibt, ist ein Triumph für jene, die das derzeit zerstörerischste Spiel spielen; jene nämlich, die bei jeder Gelegenheit „Cancel Culture“ rufen. Das ist ein supererfolgreiches Rezept einer destruktiven Rechten, die die politische Debatte vergiften will. Rau hat ihr mit der Ausladung Thiels eine Gratis-Vorlage geliefert. Das prompte Wüten wegen Meinungsfreiheit für Thiel ist zwar Unsinn, aber gefährlicher Unsinn, befördert durch Milo Rau.
Was auch überbleibt, ist die Frage, was so etwas wie das „Glaubenstribunal“ am Wochenende noch weiterhin sein soll. Eigentlich befanden sich die Festwochen auf inhaltlichem Heimspiel: Es ging um die Schattenseiten von Religion. Also, wie immer, um Kolonialismus, den bösen Westen (Raubkunst) und, huch, Kapitalismus. Es gab Berührendes zu hören, etwa von Opfern des iranischen Regimes. Wofür man aber einer Festwochen-„Jury“ beim Richten über Religion überhaupt zuhören soll, wenn sich dieses Demokratiespiel nun als nichtig entpuppt hat, das ist ab jetzt völlig unklar. Da hilft eigentlich nur ein Neustart ohne Republiktheater. Nächstes Jahr.
Source:: Kurier.at – Kultur



