Einer allein gegen Putin? Russischer Soldat legt sich mit dem Kreml an

Politik

Am auffälligsten sind die vielen Orden auf der Brust. „Dutzende, Hunderte, Tausende unserer Soldaten sitzen in Kerkerlöchern“, sagt Aleksandr Lunin in die Kamera, sie würden gefoltert, misshandelt. Lunin, 39 Jahre alt, war selbst lange an der Front, das bezeugen die Abzeichen. Jetzt hat er davon aber genug, sagt er: Seine Kameraden würden vom Staat einfach „vernichtet“, weil sie sich weigerten, „dumme, selbstmörderische Befehle auszuführen.“

Das Instagram-Video, in dem Lunin das sagt, ist gerade mal drei Tage alt. Mittlerweile wurde es 14 Millionen Mal angeklickt, obwohl man es in Russland nur per VPN-Zugang sehen kann. Millionen wollten wissen, wer der Mann ist, der Wladimir Putin anklagt: Wenn der Kremlchef ihn nicht einlade, um ihm zuzuhören, wären „die Folgen schwerwiegend“, sagt Lunin. „Dann wird die Armee ihre Waffen gegen den Kreml richten.“

Erinnerung an Prigoschin

Drei Jahre ist es her, dass Jewgenij Prigoschin, Chef der Söldnertruppe Wagner, sich mit Moskau anlegte. Der Oligarch zog mit seinen Männern Richtung Kreml, probte die Rebellion, ließ sich kurz vor dem Eklat aber von Putin einhegen. Letztlich bezahlte er dafür wohl mit dem Leben – zwei Monate nach dem Aufstand starb Prigoschin bei einem Flugzeugabsturz, ganz zufällig.

Lunin hat wenig von der Strahlkraft des Wagner-Millionärs, der mit seinem Geld und seiner Derbheit so symbolisch für Russlands Gewaltverherrlichung stand. Der 39-Jährige ist einfacher Fußsoldat; seit gut 20 Jahren sei er immer im Einsatz gewesen, erzählte er in seinen Videos. Bis vor einem Jahr: Da zeigte er auf, wie Männer ohne Gewehre an die Front geschickt wurden, daraufhin warf ihn seine Einheit raus.

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Verschwörungstheorien

Nun ist Lunin in ganz Russland bekannt. Zwar findet sich in den Staatsmedien kein Wort über ihn, aber die sozialen Medien sind voll von seiner Geschichte. Zwei Tage nach seinem bisher reichweitenstärksten Video – der Anklage Putins – wurde seine Wohnung durchsucht, nun sitzt er laut Bekannten von ihm für elf Tage in Untersuchungshaft.

Ob der Kreml das veranlasst hat, ist unklar. Dmitrij Peskow, Putins Sprecher, sagte zu dem Fall nur, man „muss sich das ansehen.“ Für Putin kommen die Vorwürfe jedenfalls zu einem unangenehmen Zeitpunkt: An der Front gerät Russland zusehends in die Defensive, und ukrainische Drohnen sorgen dafür, dass auch die Menschen in Moskau immer öfter in den Bunker müssen. Seit Tagen kursieren dazu auch Gerüchte über eine neue Mobilisierung im Herbst – kaum jemand meldet sich mehr für die Front, trotz der extrem guten Bezahlung.

Dazu kommt die Frage, ob Lunin ein einsamer Wolf ist oder ob andere hinter ihm stehen. Er selbst orakelte in den Videos, dass Vertreter der Regierung ihn kontaktiert hätten. Drei Männer von ganz oben hätten ihn abgefangen und ihm aufgetragen, den Appell an Putin zu richten. Er vermittelt so, dass es in dessen engstem Zirkel Widerstand gegen ihn gibt – er, Lunin, übermittle „lediglich eine Botschaft.“

Pseudo-Kritiker

Ob das stimmt, ist auch fraglich. Der Kreml hat lange Erfahrung darin, Marionettenpolitiker und Pseudo-Kritiker aufzubauen, um den Anschein von Meinungspluralität zu erwecken. Die durften meist öffentlich Missstände anprangern und Putin „informieren“, was in seinem Land falsch laufe. Der Kremlchef selbst blieb bei den Inszenierungen immer außen …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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