
von Matheo Thaller aus Caracas
Knapp zwei Monate sind seit den beiden verheerenden Erdbeben vom 24. Juni in Venezuela vergangen. Ein typisches Gespräch mit einem Freund, den man länger nicht gesehen hat, beginnt inzwischen mit den Fragen: „Wo warst du, als das Erdbeben kam? Hast du jemanden verloren?“ Die Narben sitzen tief in der venezolanischen Seele – eine Wunde, die noch lange nicht verheilt ist und durch die Erinnerung an jene, von denen wir wissen, dass sie nie zurückkehren werden, immer wieder aufgerissen wird.
In den sozialen Medien häufen sich Beiträge von Menschen, die noch immer hoffen, ihre Angehörigen aus den Trümmern von La Guaira, dem Epizentrum der Katastrophe, bergen zu können. Das Stadtbild – einst Bade- und Urlaubsziel der Hauptstadt – ist heute von Ruinen, Schutt und Verwüstung geprägt. Ebenso häufig sind Hilferufe von Menschen, die nach Amputationen oder Verletzungen medizinische Behandlung benötigen. Oder die im besten Fall versuchen, wieder ein Stück Normalität zu erlangen, indem sie ihre Häuser wiederaufbauen.
Internationale Rettungsteams sind abgezogen
Der Wiederaufbau im Land hat gerade erst begonnen, und die internationalen Rettungsteams sind bereits abgezogen. Die Bewohner von La Guaira haben Angst, dass die Hilfe abreißt. Sie bitten die Menschen, die Stadt zu besuchen und dort Geld auszugeben, um den Handel wiederzubeleben. Währenddessen räumen Bagger weiterhin Trümmer beiseite, Menschen leben noch immer in Zelten am Straßenrand oder auf freien Flächen. Die Hilfslieferungen werden allmählich weniger.
Verschärft wird die Lage durch die Untätigkeit der Regierung in Caracas. Die von Delcy Rodríguez geführte Administration und ihr Bruder Jorge Rodríguez, Präsident der Nationalversammlung, kündigten Mittel für den Wiederaufbau an und übergaben einige Dutzend Häuser. Doch das reicht nicht aus, um die Notlage zu lindern. Nach offiziellen Angaben kamen bei der Katastrophe mehr als 6.125 Menschen ums Leben; inoffizielle Schätzungen gehen von über 15.000 Toten aus. Zwischen 41.000 und 50.000 Menschen gelten laut Hilfsorganisationen als vermisst.
Darüber hinaus wurden einige Menschen, die zunächst als „gerettet“ gemeldet worden waren, später für tot erklärt. Das provisorische Leichenschauhaus in La Guaira hat den Überblick über bereits identifizierte Leichen verloren. Und die mangelnde Transparenz, die bereits die früheren Regierungen des verstorbenen Hugo Chávez und des inhaftierten Nicolás Maduro kennzeichnete, zieht sich unter der Regierung Rodríguez fort.
27 Jahre chavistische Herrschaft
Die beiden Erdbeben vom 24. Juni haben die enorme Verwundbarkeit der venezolanischen Bevölkerung offengelegt, die in 27 Jahren chavistischer Herrschaft bereits viel Zerstörung und Leid ertragen musste. Von einer der schlimmsten Wirtschaftskrisen weltweit – einem Einbruch des Bruttoinlandsprodukts um 83 Prozent, begleitet von zwei der schwersten Hyperinflationsphasen der Geschichte – über die Hungersnot, die 2012 begann und das Land fast neun Jahre lang heimsuchte, bis hin zur Migrationskrise, die zwischen 2015 und 2021 ihren Höhepunkt erreichte und bis heute (wenn auch in geringerem Ausmaß) anhält. Störungen bei der Grundversorgung, insbesondere bei Strom und Wasser, bestehen seit 2009 und sind bis heute ein Problem. Auch Menschenrechtsverletzungen bestehen fort, noch immer gibt es politische Gefangene.
Zudem hat Rodríguez ihre gesetzlich vorgesehene Amtszeit als Interimspräsidentin bereits beendet und hätte eigentlich Präsidentschaftswahlen ausrufen müssen. Sie beruft sich jedoch auf den von US-Präsident Donald Trump und seinem …read more
Source:: Kurier.at – Politik



