
Wo genau verläuft eigentlich die Grenze zwischen „Zeitgenossenschaft“ und „Zeitzeugenschaft“? In der Kunst, wo das „Zeitgenössische“ heute meist das Zeitgeistige meint, geraten die politischen Kräfte, die die Ästhetik zu jeder Zeit formen, schnell aus dem Blick.
Doch dann stellt eine Ausstellung Bilder vor, in denen sich die Brutalität und Zerrissenheit des 20. Jahrhunderts widerspiegelt – mit Kriegen, Verfolgung, Holocaust. Gemalt von einer hierzulande kaum bekannten Künstlerin, die sich zeitlebens als „Genossin“ sah.
Ukraine, Polen
Erna Rosenstein heißt die im heute ukrainischen Lwiw Geborene, der nun bis 10. Jänner in der Orangerie im Unteren Belvedere die „erste umfassende Retrospektive in Österreich“ gewidmet ist, wie das Museum betont. International kam die Malerin, Dichterin und Objektkünstlerin 2017 durch die vom polnischen Kurator Adam Szymczyk organisierte documenta 14 zu Sichtbarkeit. Die Wiener Schau fächert Rosensteins Leben und Werk chronologisch auf.
Dabei ist nichts von dem, erhalten, was die aus bürgerlichem Haus stammende Rosenstein, die sich schon als Schülerin in kommunistischen Gruppen engagierte, vor 1945 geschaffen hatte. Ab 1932 studierte Rosenstein in Wien. Sie erlebte die Februarkämpfe 1934 mit, ging danach nach Krakau und besuchte 1938 die internationale Ausstellung des Surrealismus in Paris.
Traumatische Erfahrung
Die Netzwerke, die Rosenstein bis dahin geknüpft hatte, wurden vom NS-Terror zerschnitten. 1942 passierte dann beim Versuch, dem Ghetto von Lodz zu entkommen, das Ungeheuerliche: Ein Mann, der sich der Familie zuvor als Helfer angedient hatte, ermordete die Eltern Anna und Maksymilian Rosenstein, nur Erna überlebte.
In mehreren Porträts, die in der Schau hängen, sind die Eltern der Künstlerin nun verewigt – mit abgetrennten Köpfen. Auch in anderen Bildern versuchte Rosenstein, die Krieg und Shoah im Untergrund überlebt hatte, das Grauen in Bilder zu fassen. Wie die Abfolge der Werkblöcke zeigt, blieb Rosenstein dabei der Gegenständlichkeit verpflichtet, transformierte ihre Sujets aber oft ins Traumartige, Absurde.
Der Surrealismus lieferte Rosenstein dazu die bevorzugte Werkzeugkiste, wobei ihr Stil sich – ähnlich wie bei der Deutschen Meret Oppenheim, die ästhetisch oft wie eine Schwester wirkt – nie auf ein Markenzeichen festnageln ließ. Fragile Zeichnungen, absurde Materialcollagen (wie ein Telefon mit Entenfüßen) und Gemälde spannen ein Spektrum auf, das verschiedene Interpretationen zulässt: War Rosenstein einfach eine von vielen Surrealistinnen ihrer Zeit – oder aber eine gewitzte Versteckspielerin, die mit verschiedenen Stilkostümen auf ihre Gegenwart reagierte?
Für die zweite Deutung spricht der Umstand, dass Rosenstein, die bis 1989 Mitglied der kommunistischen Partei Polens blieb, mit ihrer Kunst immer wieder an die offiziell geforderte propagandistisch-realistische Ästhetik aneckte. Dass sie dabei im offiziellen Ausstellungsbetrieb an den Rand rückte, kommentierte sie gelassen: „Entweder irrt sich die Partei in Fragen der Kunst oder ich irre mich – die Zeit wird es zeigen.“
Source:: Kurier.at – Kultur



