
„Ich wollte morgens aufstehen. Aber ich konnte nicht, ich hatte tierische Schmerzen und mir sind die Beine weggeknickt.“
Die Diagnose für den deutschen Reggae-Star Gentleman: Bandscheibenvorfall! „Das war zwei Wochen vor einer geplanten Südamerikatour“, erzählt er im Interview mit dem KURIER. „Anfangs dachte ich noch, das kriege ich hin. Ich hatte das schon einmal gehabt, hatte damals Cortison ins Knochenmark bekommen und der Schmerz war weg. Aber diesmal musste das operiert werden. Denn der Nervenstrang war so eingeklemmt, dass er schon fast durchgerissen war.“
Die Idee, sein eben erschienenes Album „Gratitude“ („Dankbarkeit“) zu nennen, kam direkt nach der OP: „Ich bin aufgewacht und die Schmerzen waren weg. Auch dass ich nach Monaten, wo sich mein Leben nur mehr um den blöden Rücken drehte, plötzlich keine Bewegungseinschränkungen mehr hatte, hat mich mit tiefer Dankbarkeit erfüllt.“ Nicht nur deshalb setzt der als Tilmann Otto geborene Musiker mit „Gratitude“ auf vorwiegend fröhliche, aufbauende Beats und Melodien. „Wir Musiker haben in Zeiten wie diesen – wenn wir eine gewisse Anzahl von Menschen erreichen – die Verantwortung, dem Publikum mit der Musik Kraft zu geben. Weil wir von einer Krise in die nächste rutschen und die Gesellschaft extrem gespalten ist, war ein mein Wunsch, mit dem Album eine Oase zu schaffen, die Menschen zusammenbringt. In der heutigen Zeit, wo es nur noch zwei Meinungen gibt – die eigene und die falsche – ist das eine wunderschöne Aufgabe.“
Viele Gäste
Das macht der 52-Jährige, der viele Jahre im Reggae-Ursprungsland Jamaika verbrachte, dort auf dem Erdboden bei Freunden schlief, um die Musik und die Vibes des Landes aufsaugen zu können, mit einer Vielzahl von Gästen. Unter anderen mit seinen deutschen Freunden Michael Patrick Kelly und Nico Santos, aber auch mit Genre-Größen wie Queen Omega, Collie Buddz oder Capleton.
Letzterer ist auf dem Track „They Don’t Care“ vertreten, hat dafür einen Teil des Textes verfasst. „Oft habe ich die Songs fertig, denke mir dann, das braucht noch eine andere Farbe und lade entsprechende Feature-Gäste ein“, erzählt Gentleman. „Bei Capleton, der in Jamaika eine Legende ist, war es so, dass er den Song angefangen hat. Sein Ansatz war natürlich das System in Jamaika, die Korruption und die Armut. Aber ich bin weder im Ghetto aufgewachsen, noch musste ich Hunger leiden, also habe ich in meinem Part meine Perspektive reingebracht. Und das ist die gegenwärtige Ignoranz und Hysterie der Menschen, die bewirkt, dass sie nicht mehr aufeinander zugehen.“
„They Don’t Care“ ist einer der wenigen Songs auf „Gratitude“, die den Gedanken der Dankbarkeit nicht aufgreifen. Zwar sind nicht alle Songs so positiv wie „Unity“, aber Gentleman glaubt, dass man auch in Zeiten der multiplen Krisen Hoffnung haben kann: „Natürlich ist das jetzt extrem: Corona, der Ukraine Krieg, Israel und Palästina und Trump und der Iran. Aber ich glaube auch, dass diese mediale Ultra-Präsenz und die Algorithmen, die uns mit diesen Nachrichten zuschütten, die Wahrnehmung, dass die Welt komplett aus den Fugen gerät, verstärken. Ich meine, früher wurden Frauen verbrannt, nur weil sie rote Haare hatten. Es gab Kreuzzüge, Kriege und das Dritte Reich, aber wir sind …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



