
New York City, Manhattan. Hier lebt Colson Whitehead, einer der wichtigsten Autoren zeitgenössischer US-Literatur. Sein Themenspektrum ist breit: Er schrieb über Sklaverei („Underground Railroad“, für den er den ersten von zwei Pulitzer-Preisen bekam), über eine Aufzugsmonteurin („Die Intuitionistin“) und über Zombies – in der Horror-Persiflage „Zone One“. Wenn es eine Konstante für ihn gibt, so ist das die Stadt New York.
Sein ganzes Leben hat der heute 56-Jährige hier verbracht. Die Stadt ist ihm Inspiration und Heimat – samt all ihrer hässlichen Seiten. Über diese schreibt er auch in seiner New-York-Trilogie, deren letzter Teil „Cool Machine“ soeben auf Deutsch erschienen ist. Über drei Jahrzehnte hinweg hat Whitehead den Möbelverkäufer Ray Carney begleitet. Nunmehr Familienmensch und Mitarbeiter des Monats, holt ihn seine Vergangenheit als Hehler ein.
Whitehead spielt, wie so oft, mit den Genres: Einerseits packende Kriminalgeschichte – es geht um einen Einbruch in einen Tresor im Waldorf Astoria, in dem die Goldmedaille von Jesse Owens liegt –, ist „Cool Machine“ zugleich auch ein genau beobachtetes Gesellschafts- und Stadtporträt. Es geht um soziale Mobilität, institutionelle Korruption, entfesselten Kapitalismus in den Reagan-Jahren und wie immer auch um Popkultur. Der KURIER hat Colson Whitehead via Zoom in New York erreicht.
KURIER: New York City steht in Ihren Büchern oft im Zentrum. Haben Sie je anderswo gelebt?
Colson Whitehead: Ich war in den Anfängen des Dotcom-Booms eine Zeit lang in San Francisco. Ich war neugierig, ob ich auch anderswo als in New York leben könnte. Nach eineinhalb Jahren wurde mir klar: nein. Ich kehre immer wieder zu bestimmten Themen zurück: New York, die Popkultur und die amerikanische Geschichte. New York war immer eine großartige Inspirationsquelle. Ich werde erst damit aufhören, über diese Stadt zu schreiben, wenn ich es richtig hinbekomme – aber bisher habe ich das eben noch nicht.
Hat sich Ihre Beziehung zu New York im Laufe der Jahre weiterentwickelt?
Sie hat sich vertieft. In dieser Trilogie habe ich versucht, zu verstehen, was in New York City in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren geschah. Ich bin mir beim Schreiben des Lebens der Stadt und ihrer Rhythmen noch bewusster geworden. Die frühen 60er waren eine Zeit des Optimismus. Kennedy war Präsident, wir hatten die Weltausstellung hier, glaubten an die Zukunft. In den 70ern war die Stadt bankrott, und die Kriminalität erreichte einen historischen Höchststand. Jeder kennt die Bilder eines schmutzigen, von Kriminalität geplagten New York City. In den 80ern gab es wieder mehr Geld. Doch am Ende des Jahrzehnts standen Crack-Epidemie, Aids-Krise und Obdachlosigkeit. Dass ich das zweite Buch, „Die Regeln des Spiels“, das in den 70ern spielt, während der Pandemie geschrieben habe, war eine Offenbarung. Denn ich schrieb über eine Zeit, in der die Stadt verzweifelt war. Genau wie später in der Pandemie, als es hieß, New York sei am Sterben, alle würden wegziehen, es würde nie wieder wie früher. Ich hatte das Gefühl, dass ich durch meine Arbeit dazu beitrug, New York am Laufen zu halten – genau wie in den 1970ern, als die Stadt zwar in einer verzweifelten Lage war, aber gleichzeitig die Geburtsstunde von Punk, Hip-Hop …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



