
Von Gabriele Flossmann
Mit einem heißen Thema setzt sich dieser investigative Dokumentarfilm auseinander. Er untersucht mögliche Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen im Gazastreifen. Und er enthüllt, wie Israel im Krieg gegen die Hamas unter Einsatz von Künstlicher Intelligenz die Ziele auswählt und Angriffe durchführt. Die Quellen – „Whistleblower“ scheint hier ein treffender Begriff zu sein – treten unter der Bedingung der Anonymität auf: Ehemalige Militär- und Geheimdienstmitarbeiter, die in sachlichem Ton über ein Programm sprechen, das die Zerstörungen von Wohngebieten im Gazastreifen zur Folge hatte, und über die Opferzahlen unter palästinensischen Zivilisten – darunter Frauen und Kinder – die das Militär als „Naza“ in Kauf nahm, was so viel bedeutet wie „Kollateralschäden“.
Gedreht wurde die Doku nachts auf Hausdächern in Tel Aviv, um mögliches Abhören durch israelische Stellen zu vermeiden und damit die Identität der Beteiligten besser schützen zu können. Sie werden als Silhouetten gefilmt, und ihre Stimmen wurden, wie zu Beginn des Films vermerkt, digital verfremdet. Regie bei dieser von der britischen Tageszeitung „The Guardian“ finanzierten Doku führten die beiden Israelis Yuval Abraham und Rachel Szor. Sie knüpfen damit an ihre frühere, von Norwegen co-finanzierte Arbeit „No Other Land“ an, die 2025 mit dem Europäischen Filmpreis und dem Oscar als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet wurde.
Standing Ovations
Bei den Filmfestspielen in Venedig wurde „Naza“ mit Standing Ovations bedacht – und mit einem Spezialpreis der Jury. In Israel dagegen sind die Filmemacher massiver Kritik ausgesetzt. Wohl wissend, dass das „Wasser“, das ihr Film in Gang setzt, leider auch falsche – antisemitische – Mühlen antreiben kann, hat das israelische Regie-Duo auch eine besondere Szene eingefügt: Sie zeigt Fahrzeuge, die im Verkehr stehen bleiben, während Israel landesweit den Holocaust-Gedenktag begeht.
Zudem ist eine Aufnahme des israelischen Fernsehens zu sehen, das eine Würdigung von Claude Lanzmann ausstrahlt – dem Regisseur des eindrucksvollen Holocaust-Films „Shoah“, der der Frage nachging, wie gewöhnliche Deutsche, Österreicher, Polen und andere Menschen wegsehen konnten, während um sie herum in der Nazi-Ära Gräueltaten an Juden verübt wurden.
INFO: GB 2028. 80 Min. Von Yuval Abraham, Rachel Szor.
Source:: Kurier.at – Kultur



