
Sie muss eine coole Zeichenlehrerin gewesen sein. Einen Schmäh hatte sie, mit Pagenkopf und schwarzem Mantel erschien sie modern gestylt, manchmal verkleidete sie sich auch, spielte Banjo und ging tanzen.
Auch abseits des Unterrichts schien Erika Giovanna Klien wenig auszulassen – zumindest legen das die gezeichneten Tagebücher nahe, die sie unter dem Titel „Kleßheimer Sendbote“ von ihrem Salzburger Unterrichtsort an ihren Wiener Lehrer Franz Čižek und einige Freunde verschickte. „Sensationsnachricht: Erika Giovanna Klien ist seit einem Monat ,treu’ – ein sonderbarer Zustand“, schrieb sie im Mai 1927 in die Ecke eines Blattes. Auf demselben Papier: Wolkenkratzer-Fassaden von New York, jener Stadt, in die Klien zwei Jahre später übersiedeln sollte. Und das Bild eines Tanzpaares, die Bewegungen in viele Facetten aufgesplittert.
Bereits 1925 hatte Klien das Motiv in einem großen Gemälde („Tango“) ähnlich gefasst. Im Unteren Belvedere sind diese Spuren dieser bis heute viel zu wenig bekannten Künstlerin nun aufgefächert – die großen, in Gemälden und Illustrationen ausgeführten Werke neben kleinen, in Form von Fotos und Archivalien erhaltenen Details, die aber oft auf größere Zusammenhänge vorausweisen.
Immer wieder überraschend
Wenn die Ära von Belvedere-Chefin Stella Rollig davon geprägt war, neue und schillernde Wege zur Kunstgeschichte abseits von Meister-Erzählungen zu bahnen, so gelingt das dieser überraschend materialreichen Schau – der letzten, die Rollig in ihrer Amtszeit im Unteren Belvedere eröffnete – noch einmal mit Bravour.
Dabei widerstand Kuratorin Verena Gamper der Versuchung, die durchaus schillernde Biografie der im Trentino geborenen, 1919 nach Wien übersiedelten und 1957 in New York verstorbenen Künstlerin als Leitfaden des Parcours zu nehmen. Vielmehr geht es ihr um Fragen, die das Werk zusammenhalten, um „Kontinuitäten, wo die Biografie Brüche vermuten lassen würde“, wie es im einleitenden Text heißt.
Umgesetzt wird diese Perspektive in Werkgruppierungen, die teils große Zeitspannen umschließen und sich an Zentren in Kliens Motivkosmos anlehnen: Die Stadt, die Bühne, der Tanz, vor allem aber: Die Bewegung.
„Wiener Kinetismus“ heißt die Stilrichtung, die sich in der „Abteilung für ornamentale Formenlehre“ der Wiener Kunstgewerbeschule unter dem wegweisenden Professor Franz Čižek um 1920 entwickelte und als deren Hauptvertreterin Klien heute gilt. Der Auftakt der Belvedere-Schau veranschaulicht die Prinzipien des Stils, der auf die Umlegung von Bewegung ins Bild abzielte, sehr klar – mit Vogelflug-Studien und dem Hauptwerk „Abtauchender Vogel“ von 1939, das 2001 als Schenkung ans Belvedere kam.
Nicht alles ist schnell
Innerhalb von Kliens Werk gibt es dazu eine Abwechslung, die jene, die die Künstlerin bisher kursorisch kannten, ebenfalls überraschen wird. Besonders ihre Tätigkeit als Kunstpädagogin, aber auch die Auseinandersetzung mit lateinamerikanischer und österreichischer Volkskunst führte um 1930 zu einer formalen Vereinfachung, die den aufgefächerten Bildern rasender Eisenbahnen und stürzender Vögel diametral entgegengesetzt scheint.
Klien bemühte sich trotzdem um eine Synthese – etwa, wenn sie in einem Aquarell von 1934 einen banalen Handmixer mit Kurbel malte und diesen mit einer kaum erkennbaren, auf geometrische Formen reduzierten Frauenfigur kombinierte.
In ihrer Originalität stechen Kliens Bilderfindungen zweifelsohne aus der Kunst ihrer Zeit heraus. Doch natürlich war die an den Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts geschulte Künstlerin auch ein Kind ihrer Epoche: Das Rote Wien prägte sie ebenso wie der „Muralismus“ von …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



