
Von Gabriele Flossmann
Dieser Film irritiert. Vor allem wegen Tom Cruise, den man in der Rolle, die er darin spielt, deshalb erkennt, weil man weiß, dass er mitspielt. Die Haare sind schütter und weiß, das faltige Gesicht mit den schlaffen Konturen wirkt alt – und man erwartet, dass er es nach einigen Szenen wie eine Maske abreißt – und wieder ganz der „Alte“ ist. So wie man es aus den „Mission Impossible“-Filmen kennt.
Die anhaltende Fitness und die jugendliche Ausstrahlung hatten bisher die Rollenwahl von Tom Cruise entscheidend geprägt. Hinter seiner Rolle in „Digger“ steht wahrscheinlich das Kalkül des 64-Jährigen, dass es Zeit für einen Schauspiel-Oscar ist – und den gibt es nur für Charakterrollen. Und der spleenige Milliardär Digger Rockwell, den in diesem Film Tom Cruise spielt, ist tatsächlich ein Charakter. Und was für einer.
Eismasse Richtung Europa
Er gilt als einer der mächtigsten Männer der Welt – ein Unternehmer und politischer Strippenzieher, dessen Entscheidungen globale Auswirkungen haben. Als superreicher und mächtiger Narzisst kann er sich die veröffentlichte Meinung kaufen und das öffentliche Narrativ zum eigenen Vorteil manipulieren – nötigenfalls mittels Fake News. Das geht so lange gut, bis eine seiner Ölplattformen vor Grönland außer Kontrolle gerät und eine gewaltige Umweltkatastrophe ausgelöst: Eine riesige Eismasse gerät in Bewegung. Richtung Europa. Diggers Versuch, den Zerfall seines Imperiums und die verheerenden Folgen der Umweltkatastrophe, wird zu einer wahren „Mission Impossible“.
Dieser Film, der bis zur letzten Konsequenz zeigt, wie wir angesichts von Klima- und allen sonstigen Krisen dabei sind uns buchstäblich zu Tode zu amüsieren, wird die Geister scheiden. Dies aber auf höchstem Niveau. Denn der Ehrgeiz, der dahintersteckt, ist beeindruckend. Was als überdrehte Satire beginnt, wandelt sich plötzlich in einen düsteren Meta-Kommentar über den trostlosen Zustand der Welt, auf den wir unaufhaltsam zusteuern. Mit der Rolle eines machtgierigen Unsympathlers geht Tom Cruise das größte Risiko seiner Karriere seit „Magnolia“ (1999) ein. Gereizt daran hat ihn die Zusammenarbeit mit Alejandro González Iñárritu. Denn immerhin hat der mexikanische Regisseur schon Leonardo DiCaprio zum ersten Oscar als bester Hauptdarsteller verholfen.
Das künstlerische und intellektuelle Vorbild für den Film des Duos Iñárritu und Cruise war „Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ der Regie-Legende Stanley Kubrick. Jene Alptraum-Komödie über einen übergeschnappten US-General, der seine Wasserstoff-Bomber eigenmächtig gegen Russland schickt. Der britische Komiker Peter Sellers bewältigt darin gleich drei Rollen: die des deutschen Atomforschers Dr. Seltsam, des US-Präsidenten und eines Fliegeroffiziers.
Iñárritu ist ein versierter Filmemacher, aber Kubricks subtiler Witz ist offenbar nicht seine Sache. Er klotzt lieber mit einer – zugegeben: gigantischen – optischen Ausstattung und allen Finessen, die künstliche Intelligenzen in ihren Computer-Trickkisten haben. Und Tom Cruise ist kein Meister der skurrilen Verstellungskunst wie Peter Sellers, liefert aber vor allem in einer Szene – in der Digger vor seinen Aktionären, politischen Krisengewinnlern und Spekulanten outet, wer und was er wirklich ist – eine Oscar-würdige Performance.
Ist man bereit, die Latte ein wenig tiefer zu hängen als Kubrick und sein „Dr. Seltsam“ es vorgeben, bleibt „Digger“ auf jeden Fall eine sehenswerte Dystopie. Eine Satire, die ernst genommen werden will …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



