„Haltet euch fest“ von Mareike Fallwickl: Heteropessimismus und Kitsch

Kultur

Herz des neuen Romans von Mareike Fallwickl ist ein Haus. Ein Haus, das die zwei Frauen Frieda und Sigrid zusammen gebaut haben, Ende der 70er. Dort ist Luzia in den 90ern aufgewachsen. Sie weiß nicht, dass dieses Haus die Folge einer Rettungsaktion für Sigrids Tochter Charlotte – vielleicht Luzias Mutter – war. Was sie schon weiß ist, dass sie in einer nicht-traditionellen Familienkonstellation aufgewachsen ist. Da gab es neben den Frauen auch das homosexuelle Paar Paul und Jerome und Henryka im Seidenkimono, die eigentlich ein Henryk war.

„Queer blended family“ nennt man das heute. Damals sagte man im besten Fall: anders. Im schlechtesten Fall durfte einen die Schulfreundin aus der konservativ-bürgerlichen Familie, Antonia, nicht besuchen, weil es deren Mutter verboten hat.

Auch noch Geister

In diesem Haus leben aber auch immer wieder Pflegekinder, die „Lassdichhiernichtmehrblickenkinder, die Ichenterbedichjugendlichen, die Dubistfürmichgestorbensöhne und die Dubistselbstschuldsöhne“. Und Geister wohnen hier auch. Es ist ein chaotisches, aber auffangendes Haus. Aber nun ist es kaputt. Und die erwachsene Luzia, mittlerweile Theaterregisseurin, macht sich auf die Suche nach den früheren Bewohnerinnen und Bewohnern, um sie um Hilfe zu bitten.

Fallwickl erzählt in „Haltet euch fest“ eine Geschichte aus verschiedenen Richtungen. Da gibt es Frieda, die nach und nach das Rätsel um den Hintergrund des Hauses preisgibt. Da gibt es Marle, Tochter einer Zirkusfamilie, die Halt in der Ersatzfamilie von Luzia gefunden hat, sich aber bis vor kurzem eigentlich einen traditionellen Lebensentwurf mit Mann und Kind gewünscht hat.

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Männer dezentralisieren

Und da gibt es Luzia, die in ihrem ersten Praktikum im Theater mit Geniekult und männlichem Machtmissbrauch konfrontiert war und nun mithilfe des Theaters dagegen ankämpft. In der erzählten Gegenwart inszeniert sie ein Stück, an dem nur Frauen mitarbeiten. „Decentering men“ nennt man das heute. Dasselbe wird auch Marle machen, wenn sie mit einer Samenspende ein Leben als alleinerziehende Mutter startet.

Fallwickls Roman ist voll von solchen Begriffen, „boy sober“ (fertig mit den Männern), „ace“ (asexuell), „Kitchen Table Polyamorie“ – da würde sich ein Glossar schon auszahlen. Es wirkt, als hätte jedes Schlagwort irgendwann irgendwie erwähnt werden müssen. Mit radikalen feministischen Romanen wie „Die Wut, die bleibt“ und „Und alle so still“ ist Mareike Fallwickl berühmt geworden ist, „Haltet euch fest“ lässt die Dringlichkeit vermissen. Zu oft hat man das Gefühl, ein wackelig in eine Erzählung gelötetes Manifest gegen das Heteronormative zu lesen, dem man die Statistik und die Recherche zu sehr anmerkt.

Das nimmt der Geschichte zu viel Raum und lässt die durchaus interessant angelegten Figuren mitunter hohl erscheinen. Originellen sprachlichen Bildern wie „Das Schluchzen schmeckt bitter und hart und kalt, als würde sie in einen Grabstein beißen“ stehen zudem kurioserweise gar oft Herzschmerz-Kitschformeln („Da ist so eine Liebe zwischen ihnen, wenn es die nicht gäbe, man müsste sie sich ausdenken, tausend Geschichten über sie schreiben, auf Papier, auf Wände, in den Himmel“), die genau so in einer Booktok-Romanze stehen könnten, gegenüber. Und die sind bekanntlich sehr heteronormativ.

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Source:: Kurier.at – Kultur

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