Roman „Glaszeit“: … Mutter sein dagegen sehr

Kultur

Es gibt so vieles, das man eigentlich nicht wissen will. Wie es auf der Welt zugeht, wenn China wirklich Taiwan angreift, etwa, dann muss man nämlich Kartoffeln und Wasser einlagern und die Tür für ein paar Jahre zusperren. Oder, wie es ist – wie die Protagonistin von „Glaszeit“, Novana –, als Zwölfjährige von der eigenen Mutter zurückgelassen zu werden. Das alles sind aber Dinge, von denen man weiß, dass man sie nicht wissen will. Schlimmer sind wohl jene, von deren potenziellen Gefühlsverwundungen man gar nicht erst weiß – und die man dann trotzdem erfährt.

Novana folgt also mit 30, da schon fertige Neonatologin, der verschwundenen Mutter nach Taiwan. Die ist dort erfolgreiche Künstlerin – und widmet ihre aktuelle Ausstellung der Tatsache, wie sehr sie es bereut, Mutter geworden zu sein. Zur ursprünglichen Kränkung des Zurückgelassenwerdens kommt hier nun eine tiefgehende Demütigung des Unerwünschtseins dazu.

Leh Wei Liao beschreibt das – und vieles mehr! – in einer speziellen, wohl auch polarisierenden Sprache, reich an Eindruckshappen, aus denen sich erst über die Zeit die wichtigen Details herausarbeiten lassen.

Das erstaunliche Debüt, nominiert für den Deutschen Buchpreis, ist überhaupt überreich an Heute-Bildern: Novana verliebt sich just, als ihr die Mutter auf einer Riesenwerbung wie von oben herab erstmals wieder erscheint, in eine politische Aktivistin, sie versieht schwierige Dienste mit Frühgeborenen, sie streift durch die Nachtmärkte der Stadt. Im Idealfall entwickelt dieses Daseinspanoptikum einen Sog; es wird nicht bei allen so ankommen. Lesenswert aber ist es allemal.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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