
Bei dem Titel „Testament“ schreckt man – einem medialen Reflex folgenden – kurz auf. War Robert Palfrader nicht dieses Jahr mal – medial begleitet – im Krankenhaus? Und hat das etwas mit seinem neuen Solostück zu tun? Nein, es geht nicht um ihn. Es geht um Erwin.
„Gut, dass Sie da sind“, begrüßt sein Bühnen-Alter-Ego das Publikum im Wiener Stadtsaal betont beiläufig. Es gehe ihm nicht so gut. Also schon gut. Aber nicht sooo gut. Vieles bei Palfrader ist eine Sache der Betonung.
Der Erwin, ein Freund von Kindesbeinen an, ist gestorben. In dessen Testament steht, dass er nun die Grabrede halten soll. Genau 15 Minuten soll sie dauern. Palfraders Bühnen-Ich freut das gar nicht. Ihm falle nicht viel Positives zu Erwin ein. Der sei zwar nicht blöd gewesen. Aber deppert. In Wien ist das ein großer Unterschied. Jedenfalls könne man bei einer Trauerrede schwer sagen: „Sind wir doch nicht traurig, dass er gelebt hat. Freuen wir uns, dass er tot ist.“
Nur Gutes?
Was man über einen Toten sagen kann, den man so gar nicht geschätzt hat, darum dreht sich der Abend. Palfrader unternimmt gedankliche Ausflüge – etwa zu Heinrich Heine. Und er berichtet, im eigenen Testament dem deutschen Bundesligaklub Borussia Mönchengladbach 10.000 Euro vermacht zu haben. Es gebe dafür keinerlei Grund. Allein die Vorstellung, dass seine Nachkommen recherchieren, wie er darauf gekommen sei, verschafft ihm Vergnügen. Noch dazu schwärme er seinen Kindern von einem Anwesen in Neuseeland vor – natürlich mit zwei Motorbooten! In Wahrheit gibt es nichts davon und es steht auch nichts darüber im Testament.
Palfrader freut sich diebisch, spielt seine ganze volksschauspielerische Wucht aus, steigert sich in Wutausbrüche hinein, dass man meint, sein rot angelaufenes Gesicht gehöre zur Bühnenbeleuchtung.
Die unterschiedliche Dehnung der Zeit
Im kürzeren zweiten Teil probt Palfrader die Grabrede und philosophiert dabei zum Beispiel über die Zeitdilatation nach Einstein, weil so eine Viertelstunde ganz schön lang werden könne, wenn einem so wenig Gutes über den Toten einfällt.
Den Erwin outet er – abseits der Rede – noch als zur FPÖ abgedrifteten, abgehängten roten Handwerker, der zum Verschwörungsfreak und Hundenarren wurde und mittels Hildegard-Orgon-Akkumulator EAN-Codes neutralisierte.
Über Palfrader nur Gutes? Zur ansprechenden Grundidee gehört, dass sich die Bühnenfigur selbst als Unsympathler erweist. Das nutzt sich aber mit der Zeit ab. Auch (nur) neunzig Minuten können zwischendurch lang werden. Dennoch Jubel.
KURIER-Wertung ***1/2 von *****
Source:: Kurier.at – Kultur



