
Das Leitungsquartett des Wiener Schauspielhauses leckt die Wunden. Wenn man geahnt hätte, dass Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler die Verträge nicht verlängert, sondern Sara Ostertag zusätzlich zum Theater an der Gumpendorferstraße, das nach dem Umbau unter dem Namen TEATA wiedereröffnet wird, auch die Kellerbühne in der Porzellangasse überantwortet, hätte man wohl auf die Barrierefreiheit gepfiffen – und in der noch verbleibenden Zeit mehr produziert.
Aber nun ist es eben so: Im Sommer ist das Impulstanz Festival eingemietet (das ist gut für den Eigendeckungsgrad des Hauses), dann erst wird der Lift eingebaut. Die letzte Spielzeit von Tobias Herzberg & Co startet daher erst am 16. Jänner mit der Erstaufführung von „Wokey Wokey“ der deutschen Autorin Nora Abdel-Maksoud.
Man könnte meinen, dass Sara Ostertag sich der Stadträtin gegenüber dankbar erweist – und kuscht. Denkste! Ihr Name findet sich wie jener von Tobias Herzberg auf einer langen Liste unter einem „Offenen Brief zur Zukunft der unabhängigen Kunstszene in Wien“, der kürzlich versandt wurde.
Am 2. Juni beschloss die Koalition aus SPÖ und Neos gegen die Stimmen der Opposition, dass künftig Förderverträge in sämtlichen Bereichen (von der darstellenden und der bildenden Kunst über den Film bis zur Literatur) im Regelfall nur mehr für ein Jahr abgeschlossen werden. Mehrjahresvereinbarungen sollen demnach nur mehr „in absoluten und besonders begründeten Ausnahmefällen“ möglich sein. Diese Entscheidung bedeutet einen Rückfall ins 20. Jahrhundert.
Ihr Tratschpartner musste mit Staunen, fast Entsetzen feststellen, dass niemand aus der Szene protestierte. Das Motto schien zu sein: Wer den Kopf zu sehr rausstreckt, wird weggemäht. Lieber ducken.
Aber nun nahm man sich doch ein Herz: Die Plattform „Wiener Perspektive“ legte der Stadtregierung in einem langen Schreiben dar, was auf dem Spiel steht, wenn der Gemeinderat die Entscheidung am 16. Juni absegnen sollte: „Die Reduktion der Mehrjahresverträge zu Einjahresverträgen macht jegliche Planbarkeit (…), die für die internationale Vernetzung und professionelle Arbeit notwendig ist, schlicht unmöglich. Wir halten es für fahrlässig, die über Jahrzehnte hinweg aufgebaute künstlerische Infrastruktur leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Zerstörte Strukturen und Arbeitsverhältnisse benötigen Jahre oder Jahrzehnte, um wieder aufgebaut zu werden.“
Die Abschaffung von Mehrjahresförderungen bringe u. a. einen höheren Verwaltungsaufwand mit sich, sie verunmögliche internationale Koproduktionen, die natürlich besondere Vorlaufzeiten haben. Man erwähnt den „Verlust von Arbeitsplätzen, notwendigen Infrastrukturen, Produktionsmitteln und Arbeitsräumen“ sowie den „langfristigen Prestigeschaden der Stadt Wien“. Der Brief ist von mehr als 380 Menschen aus der Szene unterzeichnet, darunter von Florentina Holzinger und Doris Uhlich, Esther Holland-Merten (Theater am Werk) und Kira Kirsch (Brut), Karl Regensburger und Chris Haring (ImPulsTanz), Victoria Halper und Kai Krösche (DARUM), Jacqueline Kornmüller und Anna Luca Krassnigg …
Ursula Berner, Kultursprecherin der Grünen, will daher an eben jenem 16. Juni im Gemeinderat einen Antrag auf den Erhalt mehrjähriger Förderungen in der Kultur einbringen. Ihr Tratschpartner befürchtet: Die Koalition quittiert ihn nur mit einem müden Lächeln.
Source:: Kurier.at – Kultur



