
Es mag vielleicht keine große Kunst sein, es gehört jedoch dramaturgisches Geschick dazu, diverse Show- und Zirkusdarbietungen zu einem runden Palazzo-Abend zu kombinieren. Die diesjährige Rahmenhandlung – der „Spiegelpalast“, eher ein stilvoll adaptiertes Zelt, steht wieder im Prater an der Hauptallee neben der Luftburg – ist zwar nicht sonderlich raffiniert, aber recht charmant: Miss Chastity Belt (dt. „Keuschheitsgürtel“), aus London nach Wien „geflüchtet“, begrüßt das Publikum in ihrer mondänen Bar.
Da wird musiziert und getanzt, da wirbeln Champagnerflaschen (also eigentlich Jonglierkeulen) durch die Luft, da wird ein wilder Cocktail aus Banane und Senf gemixt, da gibt es Karaoke (natürlich mit „Live is Life“) und auch ein Pub Quiz. Die wuchtige Dame im roten Paillettenkleid schmettert immer wieder bekannte Songs, darunter den Bonnie-Tyler-Hit „Holding Out for a Hero“. Dass sie sich dann augenzwinkernd den einen oder anderen Artisten in ihre Garderobe bestellt, liegt auf der Hand.
Das gesamte Ensemble – samt Band und Sänger Yamisava im Hintergrund bestreiten rund 15 Personen den Abend – beteiligt sich an den netten Überleitungen; im Zentrum stehen, wie gewohnt, zwischen den von Toni Mörwald kredenzten, komponentenreichen Menügängen die Solo-Acts.
Zu begeistern versteht unter anderem – neben Frauenschwarm Seraphim Richter an den Strapaten, Polina Makarova aus Russland mit hoch ästhetischer Gummikörper-Equilibristik und Diabolo-Beschleuniger Vitor Martinez Silva – der Schweizer Mario Español: Er lässt sich an einem Masten kopfüber in die Tiefe fallen und stoppt, wie Tom Cruise in „Mission Impossible“, nur wenige Zentimeter vor dem Aufprall. Insgesamt dominiert in der 22. Saison die Artistik, den Höhepunkt steuert Tonghui Ni aus China auf dem „Schlappseil“ bei: Der Traumtänzer behält selbst in den unglaublichsten Konstellationen (etwa am Ende einer filigranen Leiter) das Gleichgewicht.
Der „Barkeeper“ aber stiehlt allen die Show. Denn der Spanier Kerol, ein Meister im Beatboxing, führt mit Miss Chastity Belt äußerst sympathisch durch den dreieinhalbstündigen Abend – und kommt gleich mehrfach zum Einsatz. Er synchronisiert seinen pantomimischen Schabernack, den er mit dem Publikum treibt, er schleudert hoch komisch ein Glas Bier durch die Manege. Und mit seiner äußerst tief brummenden Stimme lässt er den Korken einer Flasche Schlumberger knallen. Die Übung ist gelungen.
Source:: Kurier.at – Kultur



